Meine Glocken-Klangreise – Radioproduktion für den Ohrfunk

Vorbemerkung

Meine Radiojahre sind eigentlich schon lange vorbei. Etwas ziemlich Anderes füllt mein Altersrentner-Dasein: der ehrenamtliche Vollzeitjob für einen landesweiten Verein, der in bewegten Zeiten seine Rolle finden muss als Selbsthilfe, Selbstvertretung, Berater und Helfer rund um Sehschädigung und Blindheit. Ich trauere der radioaktiven Zeit nicht nach. Doch dann kam jener Trigger-Moment, von dem die Sendung genauso erzählt wie von meiner Lust an der Klangdimension unserer Welt. Ich habe mich auf eine Lern- und Entdeckungstour begeben auch in der Handhabung technischer Möglichkeiten einer Audioproduktion, die ich selbständig bedienen kann. An Zeilen wachsen – das treibt mich an.

Sendungen mit einer Dauer von 2 Stunden sind aus dem Sendealltag des Rundfunks praktisch verschwunden. Durch das Podcasting wurden sie wieder möglich und – zum Erstaunen vieler Programmverantwortlicher – wieder anziehend. Klar, in den Mediatheken und auf den Portalen können die Hörer „zeitsouverän“ hören, was beim „linearen“ Rundfunk ja nicht geht.

Einen kleinen Internetsender und seine Macher kenne ich gut. Wir schätzen und vertrauen uns. Daher sicherten sie mir den wunderbaren Sendeplatz zwischen den Jahren bereits zu, als mein Projekt noch im Stadium des Skizzenhaften war. Ich habe geliefert. Es wurde gesendet.

Hier möchte ich aber selbst dafür sorgen, dass dieses bislang umfangreichste eigene Werk nachhaltig verfügbar bleibt. Im folgenden stelle ich es abschnittsweiseweise und kommentiert online. Wer es in Gänze hören mag, kann es hier herunterladen!

Kapitel 1 der Klangreise: Der Trigger und mein Lebenslauf

Die Einspiele dieses Teils sind

  • Auszug aus „Tubular Bells“ von Mike Oldfield, Achtung: das ist aus der Stereo-Edition
  • Eigene Aufnahme des Dromedaris-Carillons in Enkhuizen (mit OKM-in-ear-Mikrofonen und einen Olympus-Diktirgerät)
  • Glockenspiel des mobilen Carillons von Olaf sandkuhl in 3 Einspielungen: Boltenhagen im April 2005,
  • Aufnahme von R. Walter am 26.06.2005 und
  • Mitschnitt aus dem Kieler Ratsdienergarten vom01.07.2006

Manchmal löst ein Klang eine Lawine an Erinnerungen aus. So ein Auslöser war bei mir das Carillon im Dromedaristurm von Enkhuizen.

Als wir vom Hafen kommend in die alte Stadt traten, hörte ich den Klang dieses „leichten“ Glockenspiels und wurde Neugierig. Als ich mich informierte, stieß ich auf den Namen eines Wegbereiters der bronzenen Glockenspiele: den blind geborenen Jacob van Eyck. Da ging im Kopf die Schublade „Carillons in meinem Leben“ auf. Davon erzählt dieses Eingangskapitel der Sendung.

Der unsichtbare Ruhm des blinden van Eick. Klangspurensuche von Jürgen Trinkus. Teil 1: Einstieg

Kapitel 2 der Klangreise: Glockenkunde

/Eingespielt werden hier

Glocken waren ein Massenmedium. Sie gaben den Menschen im Umkreis Alarm und diverse Botschaften, die nicht überhört werden sollten. Sie gaben den Dingen des Lebens auch ihr Zeitmaß. Vor allem auf den Türmen der Kirchen waren sie positioniert und bildeten Klanglandschaften.

Die Topographie der Glocken – mit ihr haben sich schon viele auseinandergesetzt. Dazu greife ich hier auf die Arbeiten von Siegfried Saerberg zurück.

Jede Viertelstunde erklingt vom Kieler Rathausturm das 1911 eingebaute Glockenspiel. Daran kann ich in der Sendung sehr gut die Anwendung der Bruchrechnung auf das Zeitmaß erklären, womit die Schleswig-Holsteiner sich ja oft schwer tun. Ich hätte es etwas gründlicher erklären müssen, was ich hier im Kommentar nachholen will.

Die Melodie besteht auf vier Teilen, wozu es auch vier Zeilen eines Spottverses gibt. „Kiel hat kein Geld. Das weiß die Welt. Ob’s noch was kricht. Das weiß man nicht.“ Zur ersten Viertelstunde erklingt die erste Phase, zur halben Stunde die ersten beiden, zu Dreiviertel drei und zur vollen Stunde alle vier Melodieteile komplett, gefolgt von Stundenschlag.

In der Sendung wird erwähnt, dass dieses Glockenspiel auch eine Rolle spielt, in der „Kieler Hör(ver)führung„, die ich mit Karl Elbl entwickelt habe. Und ich erlaube mir hier auch den Werbeblock: Diese Führung, die die Ohren schärft für unsere Umgebung, kann noch gebucht werden bei Kiel Marketing.

Die ehedem üppigen Glockenlandschaften wurden für die zwei Weltkriege dezimiert, denn man brauchte viel Bronze. Sie mahnen aber noch immer. Dafür steht hier das Dresdener Glockenrequiem von Johannes Wallmann, aber auch der Turm, der nach der Zerstörung der Kieler Klosterkirche übrig blieb. Auf ihn kehrte die 1928 gegossene Läuteglocke zurück, die sich wunderbarerweise als Überlebende auf dem Hamburger Glockenfriedhof wieder fand. Sie wurde in das 1999 in den Turm eingebaute Carillon integriert. Dieses Carillon enthält übrigens auch eine Coventry-Glocke. In der Sendung wird erwähnt, dass Kiel wie Dresden in einer Städtepartnerschaft mit Coventry verbunden ist.

Abschnitt 2 der Sendung: Glockenkunde
Der unsichtbare Ruhm des blinden van Eick. Klangspurensuche von Jürgen Trinkus. Teil 2: Glockenkunde

Kapitel 3: Besuch bei Dr. Markus Zimermann

Einspiele in diesem Teil:

  • Artikel aus „Die Gegenwart“ Heft 4/2004. Serie von Dr. Markus Zimmermann: „Blinde Musikerpersönlichkeiten. Folge: Jacob van Eyck, Niederländischer Blockflötenspieler, Carillonist und Komponist (ca. 1590 bis 26. März 1657)
  • Besorgung eines Tonträgers mit Musik des Jacob van Eyck bei Ruth König Klassik in der Dänischen Straße, Kiel. Aufnahme vom 12.11.2025
  • Stücke aus „Der Fluyten Lust-Hof“, eingespielt von Marion Verbruggen, Label: Harmonia Mundi; Ursprüngliche Veröffentlichung: ca. 2003. Eingespielte Stücke in diesem Kapitel: „Bockxvoetje (Goatsfoot)“ und „DOEN DAPHNE D’OVER“
  • Besuch bei Markus Zimmermann am 11.10.2025 mit Aufnahmen vor und in der Kirche St. Georg in Merch-Buchheim

In diesem Abschnitt der Sendung erfahren wir mehr über Jacob van Eyck. Meine Quelle ist Dr. Markus Zimmermann, den ich auch besuchte.

Kapitel 4: Der Weg zum Carillon führt über die Orgel

Einspiele in diesem Abschnitt:

  • Mit Markus Zimmermann vor der Kirche in Buchheim und in der Kirche, an der Orgel, die er vorführt. Aufnahme mit 2 Ansteck-Funkmikrofonen vom 11.10.2025
  • Interview mit Dr. Felix Friedrich in der Schlosskirche zu Altenburg am 02.08.2025 (Aufnahme mit 2 Funkmikrofonen)
  • Einspiel „Präludium 3“ von Johann Ludwig Krebs, CD „Die Trost-Orgel in der Schlosskirche Altenburg. Felix Friedrich spielt Werke von Johann Sebastian Bach und Johann Ludwig Krebs“ . Kamprad-Verlag Altenburg, label querstand
  • Glockenspiel der „Gläsernen Orgel“ der Marienkirche Rendsburg, eingespielt von der Begleit-CD 15 Hörbeispiele: Wie die Späth-Orgel klingt… zur Festschrift für die Einweihung am 31.10.2025

Als ich im Vorgespräch mit dem Autor Markus Zimmermann davon sprach, dass ich eine Sendung über Carillons machen will, sagte der Orgel-Fachmann, dass es auch ein Orgel-Register Carillon gibt. Das schärfte meinen Antennen. Bei einem Aufenthalt in Altenburg wurden wir aufmerksam auf ein Schlosskirchenkonzert. Ich fragte ich, ob diese Orgel auch ein Carillon habe. Als sich dies bestätigte, ging ich mit dem Vorsatz zu dem Konzert, den Schlosskirchen-Organisten darauf anzusprechen. So lernte ich Dr. Felix Friedrich kennen. Ich konnte ihn interviewen. Leider war es nicht mehr zu arrangieren, mir selbiges demonstrieren zu lassen. Also musste es eine CD tun.

Wie spannend es ist, einer Orgel so nahe zu kommen, wie es sonst nur der Organist sein kann, erlebte ich ja in der Buchheimer Kirche bei Markus Zimmermann.

Kapitel 5: Das Carillon

Höhepunkt der Sendung ist das Treffen mit dem Kieler Carilloneur Dr. Gunther Strothmann in der Turmstube des Kieler Klosters. Das Gespräch zeichneten wir am 11.09.2025 auf, direkt nach dem Gedenkkonzert für die Opfer von Terrorismus. Daraus werden hier folgende Stücke eingespielt:

  • „Verleih uns Frieden gnädiglich“
  • „Freiheit, die ich meine“
  • „Warum“

Kapitel 6: der blinde van Eyck und seine Verdienste

Hier fassen wir zusammen, was zu den bleibenden Leistungen des Jacob van Eyck festzuhalten ist.

Einspiele:

  • Markus Zimmermann zur Frage der Blindheit des van Eyck – aus meinem Interview vom 11.10.2025
  • „Boffons“, aus „Der Fluyten Lust-Hof“, gespielt von Marion Verbruggen
  • Interview mit Andrea Katemann in Freiburg am 11.10.2025
  • „Engels Nachtegaeltje“ (English Nightingale), interpretiert von Marion Verbruggen

Jacob van Eyck sei blind, sagen die Quellen. Das hinterfragen wir mit dem gleichfalls sehbehinderten Musikwissenschaftler Dr. M. Zimmermann.

Van Eyck hatte nicht nur praktisches sondern auch wissenschaftliches Format, war gut unterwegs in seiner Zeit. Eine Schrift für Blinde wurde aber erst 168 Jahre nach seinem Tod entwickelt. Einer wie ich hat es Dank dieser Schrift des Louis Braille erheblich leichter. Ich konnte meine Sendung mit Hilfe dieser Schrift entwickeln und umsetzen. Etwas anderes wäre für mich undenkbar.

Eine blinde Bibliothekarin kommt ja nun auch vor in dieser Sendung. Dass die Bibliotheksleiterin der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg auch eine gelernte Blockflöten-Virtuosin ist, verrieten mir Freunde. Und so nutzte ich unser Zusammentreffen bei der DBSV-Verbandsratstagung in Freiburg für dieses Interview. Andrea Katemann konnte sich nicht so recht erinnern, wie das Stück van Eycks hieß, das sie einst gespielt hat. Wir kamen aber doch noch drauf, dass es die englishcen Nachtigall gewesen sein muss. Klar, dass dieses viruose, an der Natur orientierte Stück in der Sendung zu hören sien musste.

Kapitel 7: Aus- und Nachklang

Es bleibt noch etwas Zeit. Und so schauen wir noch mal vorbei bei Ruth König, die ihr Leben dem Tonträgerhandel verschrieben hat und auch mit 80 Jahren noch nicht aufhören mag damit. Wir kommen noch mal zurück auf den mobilen Rostocker Carilloneur Olaf Sandkuhl und die von ihm auf einem Acker bei Rostock eingespielten weihnachtlichen Melodien. Und ich kann es nicht lassen, das Thema Stadtklang von den Glocken noch zu weiten auf eine Kuriosität, die sich alle Jahre wieder in Kiel zuträgt, wenn die 4 Posaunisten des Philharmonischen Orchesters am Silvesterabend Weihnachtslieder blasen, begleitet von Böller-Geräuschen.

Im Abspann erklingt ein weiterer Ausschnitt aus dem Stereomix der „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Und als „Rausschmeißer“ gibt es noch „The Balck Plague“ von Eric Burdon – eine ebenso mystische wie gleichnishaft aktuelle Ballade.

Technische Nachbemerkungen

Ich habe sehr viel gelernt während der 6 Monate Arbeit an dieser Sendung. Die Bestandteile der Produktion sind technisch mehr oder minder gut gelungen. Ich habe mit Recordern und Mikrofonen herumprobiert und einiges Lehrgeld bezahlt. Auch wenn die Ergebnisse den höchsten Ansprüchen nicht genügen, sind sie doch wertvolle Momentaufnahmen, die ich nicht unter den Tisch fallen lassen mochte. Ja, ich habe das alles allein aufgenommen und abgemischt, was geschulten Ohren nicht verborgen bleiben kann.

Das in Buchheim die 3dAudio Binaural-Mikrofone nicht mitspielten und die Aufnahmen nur mit zwei Funkmikrofonen entstanden, die wir uns anklippten, war glücklicherweise zu verschmerzen.Das Ergebnis war weit brauchbarer als zu befürchten war.

Die Aufnahmen am Kieler Glockenspieltisch werden durch unerklärliche Nebengeräusche beeinträchtigt. Sei es drum.

Ruth König war zum Zeitpunkt der Aufnahme schwer erkältet. Und auch Oft hatte die Mikrofontechnik nicht so funktioniert, wie ich beabsichtigt hatte.

Auch in der Schnitttechnik meiner Sprachaufnahmen ist leider ein wenig Unruhe entstanden durch mitunter zu enge Schnitte. Das hörte ich so richtig erst als alles fertig war.

Auch am Manuskript könnten weitere Verbesserungen gut möglich sein.

Aber ich bin froh, dass ich die Zeit für so eine umfassende Arbeit überhaupt erübrigen konnte. Und ich habe eben viel gelernt fürs weitere Leben. Insbesondere habe ich Audacity kennengelernt als gut bedienbare Software für Mehrspur-Produktionen.

Dank!

Allen sei hier summarisch gedankt, die mich begleiteten, unterstützten, berieten und sich befragen ließen, und allen, die mir dafür den Rücken frei hielten.

Meine Glockenreise zu mir selbst

2025 war ein ergebnisreiches Jahr für mich. Es endet mit guter Bilanz im ehrenamtlichen Vollzeitjob; und – Dank eines gut geführten Teams des Vereins – fand ich die Muße zu meiner bislang umfangreichsten, gründlichst gewachsenen Audio-Produktion. die zweistündige Sendung kommt zur Ausstrahlung am 28.12.2025 um 16:00 Uhr mit Wiederholung am 29.12.2025 um 14:00 Uhr. Einen besser geeigneten Sender als Ohrfunk.de kann ich mir nicht denken. Danke den Ohrfunkern für das Vertrauen, denn ich habe bisher nicht für den kleinen, bemerkenswerten Internetsender gearbeitet. Und auch der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können für so ein großes Zuhör-Angebot als diese magische Zeit zwischen den Jahren, wo die parabelartige Verlaufskurve der Betriebsamkeit der meisten Menschen gewissermaßen auf dem Ruhepunkt ankommt.

Worum es geht

Während einer Urlaubsreise kam in Enkuizen ein Glockenklang in mein Ohr, der eine Lawine an Erinnerungen und Recherchen auslöste. Ich wurde aufmerksam auf die Lebensleistung eines blinden Niederländers im 17. Jahrhundert, dessen Ruhm nicht sichtbar aber doch unüberhörbar fortlebt in unserer Welt. Was bei den Glockenspielern unspektakuläres Grundwissen ist, wurde mir offenbar im reinen Klang eines sehr alten Carillons, in dessen Geschichte dieser Jacob van Eyck eine Schlüsselrolle spielte. dieser blind geborene Mann prägte den Klang eines damals aufkommenden Musikinstruments, des Carillons, mit dem zunächst die flämischen und niederländischen Stadtbürger ihre urbanen Räume beschallen konnten, weil sie durch die theoretische und praktische Fähigkeit dieses Ohrenmenschen stimmbar wurden. Alle bronzenen Glockenspiele haben die von seiner idealen Teiltonreihe geprägten melancholischen Klang.

fröhlicher ist seine Hinterlassenschaft „Der Fluyten Lusthof“, die größte Sammlung an Solostücken für die Blockflöte. Die ist auch ein Hort der Virtuosität der Teiltönigkeit. Und auch dazu fand ich Menschen, die das weiter leben machen.

Und plötzlich war auch präsent, dass die Glocken in meinem Leben eine sehr bemerkenswerte Rolle spielten und spielen.

Ich machte also Reisen in Raum und Zeit. Was ich dabei zutage förderte, bestätigt mal wieder den weisen Satz aus dem „Sanduhrbuch“ von Ernst Jünger:

„Die kleinste Blume hat ja Verwurzelungen im Unendlichen. Und unsere Neigung ist es, die sie enthüllt.“

Und nun würde ich mich über viele offene Ohren an neugierigen Köpfen freuen!

Ein Engel in meinem Radio-Leben

Ich durfte Teil einer Radio-Geschichte sein und sie ein klein wenig mitgestalten. Eine Perle, die dabei entstand, hüte ich als Sendemitschnitt, den ich hier nun auch veröffentlichen möchte. NDR1 Radio MV hatte eine Sendereihe „Klönkasten“. Sie lief Sonntags um 19:05 bis 20:00 Uhr. Eine Stunde für spezielle Themen. Bedingung: es musste einen mindestens hälftigen Musikanteil nach den Formatvorgaben des Senders geben.
Diese meine Sendung über ein Dienstmädchen aus Vorpommern, das zur Engländerin wurde, gab den Anstoß für eine kleine Reihe, die ich mit Lebensgeschichten füllen durfte – Serientitel: „Aufgebrochen in Pommern“.

Zur Vorgeschichte

1993 pendelte ich zwischen Greifswald, wo ich wohnte, und Saarbrücken, wo ich zum Wissenschaftlichen Dokumentar volontierte. Als ich bei einer Heimfahrt in Berlin-Lichtenberg den Zug nach Greifswald bestieg, war da auch eine Frau, die nicht nur wie ein Engel sprach sondern auch wie ein solcher nicht so recht wusste, ob sie in dieser Bahn richtig war. Sie hatte einen leicht britischen Akzent mit vorpommerschem Slang – irgendwie auch aus der Zeit gefallen. Wir kamen jedenfalls ins Gespräch. Ich erfuhr, dass sie in England wohnt, nun aber in der Nähe von Pasewalk Familie besuchen wollte.
Was ich sonst noch zu hören bekam, machte, dass ich diese Frau unbedingt wiedersehen und mit ihr eine Sendung machen wollte.
Die Sendung kam zustande. Und es entstand eine langjährige Freundschaft, die sich irgendwie verlor, weil Hilda ohne Spuren aus dieser Welt gehen wollte. Ihre Spur verlor sich in einer Seniorenresidenz in Cester. Meine Sendung aber macht Hilda Povy unvergessen.
Der NDR hatte mir 1994 die Chance gegeben, im Rahmen des Projektes „Erinnern für die Zukunft“ auch eigene Beiträge und Sendungen einzubringen. Und hier ist das schöne Stück mit meinem Engel Hilda, produziert mit meinem Freund Wolfgang Schnee im Studio Greifswald 1996..

Jürgen Trinkus im Gespräch mit Hilda Povy über ihren Lebensweg aus dem vorpommerschen Rammin ins englishce Cester.

Die Entdeckung des reinen Klangs der Glocken

Als wir am 14.04.2025 durch Enkhoizen liefen, erregte ein besonders schön klingendes Carillon meine Aufmerksamkeit, das Glockenspiel im Dromidaristurm. Ich musste es in einer Tonaufnahme festhalten.
Die weitere Recherche führte zu einem blinden musikalischen Genie, ohne dessen Zusammenwirken mit den Glockengießern Hemony überhaupt erst die Grundlagen geschaffen wurden für harmonisch abgestimmte Glockenspiele. Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Obwohl van Eyck zu seiner Zeit selbst nicht einer Schriftsprache mächtig sein konnte ( die Brailleschrift entstand erst 200 jahre nach ihm) – schuf er die Theorie der idealen Teiltonfolge und hinterließ ein kompositorisches Werk, seinen „Fluyten Lust-Hof“.
Jacob van Eyck (ca. 1590–1657) war es gegeben, durch sein feines Gehör die Obertonstrukturen zu analysieren und zu korrigieren. Mit ihm entwickelten die Gebrüder François und Hemony eine besondere Drehbank, mit deren Hilfe den Glocken gewissermaßen der klangliche Feinschliff gegeben werden konnte.
Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Und da sage mal jemand, dass Reisen nicht bildet! Und Anstöße gibt es. Das Stichwort #Carillon löste in mir einen Strom von Erinnerungen aus. Und die Idee zu einer Sendung über die Klangspurensuche dazu, entstand mit diesen Glockentönen in Enkhuizen.

Als wir am 14.04.2025 durch Enkhoizen liefen, erregte ein besonders schön klingendes Carillon meine Aufmerksamkeit, das Glockenspiel im Dromidaristurm. Ich musste es in einer Tonaufnahme festhalten.
Die weitere Recherche führte zu einem blinden musikalischen Genie, ohne dessen Zusammenwirken mit den Glockengießern Hemony überhaupt erst die Grundlagen geschaffen wurden für harmonisch abgestimmte Glockenspiele. Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Obwohl van Eyck zu seiner Zeit selbst nicht einer Schriftsprache mächtig sein konnte ( die Brailleschrift entstand erst 200 jahre nach ihm) – schuf er die Theorie der idealen Teiltonfolge und hinterließ ein kompositorisches Werk, seinen „Fluyten Lust-Hof“.
Jacob van Eyck (ca. 1590–1657) war es gegeben, durch sein feines Gehör die Obertonstrukturen zu analysieren und zu korrigieren. Mit ihm entwickelten die Gebrüder François und Hemony eine besondere Drehbank, mit deren Hilfe den Glocken gewissermaßen der klangliche Feinschliff gegeben werden konnte.
Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Obwohl van Eyck zu seiner Zeit selbst nicht einer Schriftsprache mächtig sein konnte (die #Brailleschrift entstand erst 200 jahre nach ihm), schuf er diee Theorie der idealen Teiltonfolge und hinterließ ein kompositorisches Werk, seinen „Fluyten Lust-Hof“.
Und da sage mal jemand, dass Reisen nicht bildet! Und Anstöße gibt es. Das Stichwort #Carillon löste in mir einen Strom von Erinnerungen aus. Und die Idee zu einer Sendung über die Klangspurensuche dazu, entstand mit diesen Glockentönen in Enkhuizen.

Erlauscht mit dem Öhrchen: Ostermorgen Naturerwachen vorm Balkon

Wer mag, kann sich mal 17 Minuten Zeit nehmen für ein Hörbild, das ich gerade fertig geschnitten habe. Festgehalten ist das Erwachen einer Stadt-Natur-Landschaft am Ostermontagmorgen. Die Aufnahme stammt also vom 10. April 2023 und ist entstanden von meinem Balkon aus mitten in Kiel. Das verwendete Mikrofon 3Daudio ist ein Gerät, das sie beim MDR mal „Öhrchen“ getauft haben. Es funktioniert so wie ein Kunstkopf.

Die Spezialität meines Aufnahmeortes: Die umstehenden Häuser schaffen einen eigenen Resonanzraum, der die Stimmen der diversen Vögel verstärkt und reflektiert. Ich habe die herausragenden Momente aus 4 aufgezeichneten Stunden auf 17 Minuten gerafft.

Sonnenaufgang war an diesem Tag um 06:30 Uhr. Der erste Vogel begann 03:46 Uhr zu rufen. Die Möwen patroullierten zum ersten Mal um 05:07 Uhr. Eine Stunde vor Sonnenaufgang wird es bereits sehr vielstimmig. Amseln, Meisen, Möwen, Tauben, Krähen, Gänse, Zaunkönig und diverse Singvögel, die ich mal meine geneigten Hörfreunde bitten möchte, zu identifizieren und mir die Entdeckungen als Kommentar oder Nachricht mitzuteilen. Ich hab’s nicht so mit den Vogelstimmen, lerne aber gern dazu.Nun also bitte die Kopfhörer aufgesetzt für die innere Hörbühne, auf der diverse tierische Protagonisten nach- und miteinander ihre Auftritte absolvieren.

Urban/Nature Soundscape recorded by Juergen Trinkus, Kiel, 10.04.2023

Schweden hören im Sommer

Diese Klangreise entstand im Sommer 1997.

Vorgeschichte und Hintergrund

In das Ferienhaus im schwedischen Halland hatte ich die OKM-Ohrmikrofone und einen DAT-Recorder mitgenommen. Und im Kopf trug ich eine Passage aus dem Buch von John Hull: „Im Dunkeln sehen“:

„Regen hat die Eigenart, die Umrisse aller Dinge hervorzuheben (…) wo vorher eine unterbrochene und damit zersplitterte Welt war, schafft der gleichmäßig fallende Regen eine Kontinuität akustischer Wahrnehmung.“

John M. Hull: Im Dunkeln sehen. Erfahrungen eines Blinden : Verlag C. H. Beck, München 1992, Kapitel „Regen“, S. 46

Wenn es also mal regnete oder gewitterte in diesem Urlaub, war das für mich eine gute Gelegenheit, der Ermunterung des Oxford-Professors zu folgen, der seine Erblindung so produktiv verarbeitet hat. Regen feierte John Hull als eine Schallquelle, die eine Landschaft weiträumig hörbar machen kann.

In einem Supermarkt entdeckte die Familie dann zwei CDs mit dem passenden Titel „Här är den sköna sommar„. Einige der Lieder trafen sehr unser Urlaubslebensgefühl in Schweden.

Ich arbeitete damals noch für den N’DR in Mecklenburg-Vorpommern und hatte eine Idee zu einer Sendung: „Arten den Regen zu hören“. Ein Hörfunkprogramm in einem Urlaubsland könnte die Sonnenanbeter, die jeglichen Regen als Spaßverhinderer empfinden, doch mal anregen, mit den Ohren auf Entdeckungstour zu gehen.

Was ich dann aus den Aufnahmen unseres 1997er Urlaubs machte, war mir eine Art Vorstudie für so eine Sendung. Ich habe das Konzept dann nicht weiter verfolgt. Es hätte vermutlich auch keine Chance in einem Programm, das bei Machern und Hörern eher als Nebenbei- und Begleitmedium denn als Intensivangebot verstanden wird.

Aber die hier veröffentlichte Produktion kann für sich stehen. Sie fand zwar nicht den Weg zu breitem Publikum; doch darum ging und geht es ja nicht.

Die Aufnahmen

Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 30. Juni und 12. Juli 1997 rund um unser Ferienhaus in Hallands län, in Halmstad und auf der Fähre Trelleborg-Rostock. Schnitt und Mischung erfolgten mit einem analogen Mischpult und einem digitalen 4-Spur-Harddisk-recorder DR4 der Firma AKAI bei mir zu Hause in Greifswald. Verwendet wurden Texte von Hermann Hesse aus „Siddhartha“ sowie John M. Hull: „Im Dunkeln sehen“ sowie Liedmaterial von den CDs Här är den sköna sommaren by Evert Taube.

Stadtklang entdecken und festhalten

Es gibt schon Leute, die das mit Leidenschaft betreiben, was unter Begriffen gefasst wird wie Urban Sounds oder Soundscape. Für mich ist ein wichtiger Bezugspunkt die Theorie und Praxis des Züricher Klangkünstlers Andres Bosshard. Siehe dazu mehr weiter unten!

Nur ein einziges mal allerdings erlebte ich selbst, dass dies bis ins Tourismus-Marketing einer Großstadt hineinwirkte. Das war in Hongkong. Dort gibt es zahllose Verkehrsampeln mit akustischen Freigabesignalen, die ungedämpft und um die Wette piepen und tuten. Diese Kakophonie aus Sinustönen bricht sich vielfach in den Häuserschluchten, sodass es schon als akustische Umweltbelastung qualifiziert werden kann. Die Bewohner dieser geschäftstüchtig lärmenden Metropole scheinen das jedoch mit Gelassenheit zu sehen. Als wir mit „Big Bus“ durch Hongkong tingelten und dabei dem Audioguide lauschten, der in 10 Sprachen verfügbar ist, hörte ich, dass es für diese ganz besondere Klangkulisse einen stolzen Namen gibt: „The Sound of Honkong„. Zu ärgerlich, dass ich davon keine Tonaufnahme mitgebrachtr habe.

Festgehalten habe ich – wenn auch mit unzureichender Mikrofonausstattung – ein anderes städtisches Klangereignis in Shanghai. Im dortigen Century Park finden alljährlich Anfang Oktober an drei aufeinander folgenden Tagen gigantische Feuerwerksinszenierungen statt, zu denen Pyrotechniker vieler Länder beitragen. Wir waren am 03.10.2021 zu Besuch in einer Wohnung, deren Balkon direkt auf den Park ging und also eine Art Logenplatz bot für das, was da abging. Der große Park fasste gar nicht alle interessierten Zuschauer. Auf der vorbei führenden vielspurigen Straße stand der Verkehr. Und die Explosionen der Feuerwerksbatterien waren zum Teil so heftig, dass die Alarmanlagen parkender Autos ausgelöst wurden, was von unserem Platz aus gleichfalls zu erleben war. Die vier Ebenen des Feuerwerks und die fünfte Ebene der reagierenden parkenden Fahrzeuge konnte ich mit dem mitgeführten Rekorder, einem einfachen Olympus-Diktiergerät, nicht in gebotener Differenzierung festhalten. Doch nach dieser Vorrede lässt sich vielleicht trotzdem ahnen, was da an Unerhörtem zu hören war.

Es genügt nicht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das auch zu realisieren. Auch die Technik sollte dem Moment gewachsen sein, was hier leider nicht der Fall war.

Ich selbst war neulich auf die Stadtklänge zurück gekommen, als die rhythmischen Arbeitsgeräusche einer ungeliebten Baustellen-Ramme Teile der Stadt Kiel in einen Resonanzraum verwandelten, dem etwas Faszinierendes abzugewinnen war. Da entstand ein akustisches Spiegelkabinett, das mir sehr festhaltenswert erschien. Siehe dazu den entsprechenden Beitrag!

Die Suche nach der Kieler Stadtklang-Ikone

Das Kieler Motiv ist mir schon klar. Nun muss ich es nur noch einfangen.

Drei Glockenspiele tönen durch die Altstadt: Das vom Rathausturm:

Glockenspiel vom Kieler Rathausturm, aufgenommen vor dem Opernhaus, sitzend bei der Skulptur „Bonne fée de maison“ von Tauno Kangro

Das zweite charakteristische Glockenspiel befindet sich am Alten Kloster. Es handelt sich um das Kieler Carillon, hier aufgezeichnet auf dem Klosterplatz.

Mittagsglocke und Carillon des Alten Klosters Kiel, aufgenommen auf dem Klosterplatz am 09.05.2021 um 12 Uhr, hier in einer Verkürzung

Die Dominante der großen Drei ist die Nikolaikirche. Ihr Geläut kann sehr eindrucksvoll erfahren werden, wenn man durch die Holstenstraße auf die Kirche zugeht. In der folgenden Aufnahme komme ich vom Holstenfleet durch die Holstenstraße. Im Nahbereich der Kirche ist das Geläut gedämpft. Wir treten in den Vorraum der Kirche. Nach dem Verlassen klingt das Mittagsgeläut aus und fern ist das Carillon des Kieler Klosters zu hören. Wir nähern uns dem Glockenspiel.

Die Frage ist, ob es gelingt, alle drei Geläute von einem bestimmten Punkt in Dreieinigkeit aufzuzeichnen. An einem Sonnabend stellte ich fest, dass um 12 Uhr alle drei nahezu in Aktion treten – zeitlich leicht versetzt. Am Sonntag funktionierte das nicht, weil die Kirche da einen anderen Zeitplan verfolgt. An einem Wochentag kann zu starker Autoverkehr das Klangbild beeinträchtigen. Falscher Wind und unpassender Regen können auch den Erfolg verhindern.

Als nächsten Aufnahmepunkt wählte ich einen Schnittpunkt zwischen Rathausturm und Nikolaikirche mit der Hoffnung, dass dort auch das Carillon zu hören sei. Die beiden großen Geläute konnte ich tatsächlich einfangen an der Bushaltestelle Martensdamm. Störend war der Autoverkehr und enttäuschend, dass das Carillon von Häusern zu sehr abgeschirmt war.

Rathausglockenspiel und St. Nikolai 12 Uhr mittags vom Martensdamm her aufgenommen

Die Jagd nach dem richtigen Klangbild gestaltet sich also ähnlich schwierig wie die nach dem gelungenen Foto. Es gibt tatsächlich eine Reihe von Analogien zwischen Fotokunst und Soundscaping.

  • Das Arrangement muss stimmen!
  • Die Ausleuchtung muss Klarheit/Stimmigkeit schaffen!
  • Die Aufnahmetechnik muss der Aufgabe gewachsen sei!
  • Störende Einflüsse sollen das Werk verschonen!
  • Der Auslöser muss zur richtigen Zeit am richtigen Platz bei Gegebenheit der obigen Faktoren gedrückt werden!

So einfach ist das!

Andres Bosshard und seine Züricher Klangspaziergänge

Vor einigen Jahren fiel mir dieses Buch in die Hände: Andres Bosshard: Stadt hören : Klangspaziergänge durch Zürich. Mit der Komposition „Choreophonie des Stadtklangs von Zürich“ Verlag Neue Zürcher Zeitung. ISBN 978.3.03823.549.1

Hier ein Auszug aus meinem Konspekt:

Der Autor der Hörspaziergänge durch Zürich ist kein Blinder. Er ist tief eingedrungen in die akustische Wahrnehmung. Doch findet man auch bei ihm, dass dem Raumhören teilweise sogar die eigene Sprache fehlt. So spricht er bildhaft vom Hörblick, Höraussichtspunkt oder der Klangfatamorgana, Klangschatten oder Camera Obscura. Ein Raum kann akustisch erblinden. Es gibt aber auch die Hörorte und Resonanzräume, eine Tieftonfalle und Klangwellen, Klangwind, Klangtore und -schleusen. Licht und Schall gemeinsam haben Weißes Rauschen, Panoramen. Er betreibt Klangtriangulation des Stadtraums mit Hilfe von Glocken.

Seine Vision ist eine „Kunst die Stadt akustisch zum blühen zu bringen“. Nun sehne ich mich nach einem Stadtentwickler/Architekten, der bereit ist, „auf der Grundlage des Stadtplans einen Stadtklangplan zu entwerfen.“

Im Glossar heißt es unter dem Stichwort Stadtstimmen:

„Im Stadtraumkonzert sind mehrere, deutlich unterscheidbare Stimmen aktiv: die Schritte gehender Menschen zum Beispiel bilden am frühen Morgen eine perkussive Begleitstimme vieler Straßen und Plätze. Eine weitere geheimnisvolle Stadtstimme sind die 1200 ständig fließender Brunnen. Wenn alle andern Stimmen schweigen würden, könnte man im gesamten Stadtgebiet das Murmeln der Brunnen hören. Im Alltagslärm gehen sie oft vollständig unter. Sie sind deshalb auch als Indikatoren für die Lärmbelastung sehr wertvoll.“

Zitiert aus der Brailleschriftausgabe, Bd.2 S. 178-179

Wasserspiele in Kiel

Nun hat meine architektonisch eher abweisend und unfokussiert wirkende Stadt Kiel keine 1200 Brunnen und die im Innenstadtbereich vorhandenen sind weder optische noch akustische Schönheiten. Immerhin vermehren sie sich. Hier dazu ein paar eigene Aufnahmen.

Kaskadenartig über 4 Ebenen angelegt ist das Wasserspiel auf dem Europaplatz. Bei der folgenden Aufnahme habe ich mich zwischen zwei Ebenen positioniert.

Wasserspiele Kiel, Europaplatz obere Kaskade

Wasserspiele sind Marker einer Landschaft. Wer sich darauf einlässt, kann sich selbst zentrieren und in meditative Zustände gleiten lassen. Bewegen wir uns in der Klanglandschaft, sind die Veränderungen wahrnehmbar, die sich ergeben durch Entfernungen, durch Reflexionsflächen und Perspektivverschiegungen. Vor allem Gebäude erzeugen Spiegelungen, Ablenkungen oder Absorbtionen. Der Schall entfaltet sich in der Geometrie des bebauten Raums, die wir durchwandern. Das Material, aus dem die Flächen beschaffen sind, auf die er trifft, spielt auch eine Rolle.

Eine Tonaufnahme plätschernden Wassers von Bächen, Fontänen oder Kaskaden ist freilich eben nur eine Tonaufnahme. Sie entbehrt der tatsächlichen Anwesenheit des Raumes, in dem sie entstand. Interessant bleiben sie, wenn der Entstehungsraum belebt wird, wie in diesem Beispiel eines Wasserspiels vom neuen, noch etwas trist in Beton gefassten Holstenfleets. Als ich mit meinen Kopfmikrofonen vor den kleinen Fontänen stand, bewegten sich hinter mir Leute über die Holzbohlen.

Wasserspiel am Holstenfleet

Unsere Brunnen und Fontänen sind vergleichsweise langweilig. Kontrastierend dazu hier eine Aufnahme aus der freien Natur in einem Ausschnitt aus meiner Klangstudie „Schweden hören im Sommer“ vom Sommer 1997.

Ein kleiner Fluss in Schweden, der sich in einer Schlucht breit machen kann

Menschen als Kulisse

Ein großer Platz. Er wird hörbar durch die Menschen, die auf ihm herum wuseln. Es ist Wochenmarkt auf dem Exerzierplatz in Kiel. Die Leute tun, was sie auf einem Wochenmarkt so tun. Wir belauschen sie, ohne ihre Anonymität aufzubrechen.

Impressionen vom Wochenmarkt in Kiel am 15.05.2021

Den Raum hören lernen

In der folgenden Aufnahme gibt es verschiedene Bereiche, die sich bei entsprechender Aufmerksamkeit gut unterscheiden lassen. „Hören ist wissen“, sagte mir einst ein musischer Freund. Also führe ich die geneigten Hörer mit hoffentlich passablen Kopfhörern auf den Ohren mal durch die Momente dieser Aufnahme, die am 22. Mai 2021 im Klostergarten unter dem Kieler Carillon entstand.

Zunächst hören wir die Turmglocke (Läuteglocke). Sie scheint tatsächlich von weit oben zu kommen. Spatzen im Vordergrund machen die Relation wahrnehmbar. Gerd Heinrich spricht seine Begrüßungsworte unter dem Baum stehend, hier von weit links zu hören. Die Turmglocke schlägt weiter 11 Uhr. Wir sitzen unter einem kleinen Vordach. Das wird hörbar durch den Regen, der darauf fällt. Aus größter Nähe sagt meine Frau, dass ich dichter heranrutschen soll.

Leute klatschen Beifall. Man kann deutlich in der Mitte diejenigen unter dem Dach von denen unterscheiden, die weiter links im Freien stehen.
Bevor Gunther Strothmann zu spielen beginnt, hört man noch eine Amsel und ein Baustellengeräusch. Dass das Carillon von oben erklingt, sollte deutlich zu hören sein. Der Regen auf dem Dach ist dichter über uns. Vögel, Menschen, die sich unterhalten und vorbei fahrende Autos stören aber schaffen auch Raumtiefe.

Beginn des 1. Kieler Carillon-Konzerts nach der Corona-Pause. 22. Mai 2021 um 11:00 Uhr.

Stadtklang im Wechsel der Tageszeiten

Tag und Nacht

Der Einfluss der Rhythmen der Natur scheint in den Hintergrund zu treten, wo die sog. Zivilisation den Ton angibt. Selbst der Wechsel von Tag und Nacht relativiert sich in den „Weltstädten“: „Die Nacht zum Tage machen“ heißt das wohl auch. Ganz abgekoppelt sind wir aber nicht vom Lauf der Jahre und Tage. Auch wenn immer etwas Unruhe bleibt – nachts schlafen die Städte. Die doch noch vorhandenen Geräusche kontrastieren zur relativen Stille, sind auffälliger und breiten sich weiter aus.

Und damit kommen wir zum Humboldt-Effekt. Ich „entdeckte“ ihn für mich durch ein großartiges Hörstück des bolivianischen Autoren Daniel Velasco in einer Produktion von Deutschlandradio aus dem Jahr 2001.

In der Nacht breitet sich der Schall ungehindert aus, hören wir weiter. Das Phänomen kennen wir bestimmt alle; ich jedenfalls habe es schon als 5-Jähriger wahrgenommen und darüber sinniert. Unser „gesunder Menschenverstand“ erklärt sich den Tag-Nacht-Unterschied durch die Ruhe, die im Dunkeln einkehrt. So ging es auch dem Weltreisenden und Gelehrten Alexander von Humboldt, bis er in den Amazonas-Nächten bemerkte, dass der tierische Lärm keineswegs abnimmt in den Tropenwäldern; und dennoch war die Ausbreitung des Schalls in der Dunkelheit eine weitere. Der genaue Beobachter Humboldt hielt seine Wahrnehmung fest und stellte dazu Überlegungen an. Eine wissenschaftliche Erklärung wurde aber erst gefunden mit der Teilchenphysik des 20. Jahrhunderts.

Licht ionisiert und Wärme bringt die Luftmoleküle in Bewegung. Diese Kinetik der Atmosphäre dämpft die Ausbreitung des Schalls. Nachts kommt die Luft zur Ruhe. Der Schall breitet sich besser aus.

Das Morgenerwachen

Die folgende Tonaufnahme entstand in der Stunde vor Sonnenaufgang. Der Menschen- und Verkehrslärm ist noch kaum erwacht. Beginnend mit den Amseln kommen die Vögel in die Gänge.

Eine Besonderheit dieser Aufnahme soll noch erwähnt sein: mit den OKM-Mikrofonen in den Ohren saß ich still auf unserem Balkon. Zwischen den Häusern existiert ein besonderer Resonanzraum für die Geräusche. Die urbane Bebauung schafft unseren Singvögeln eine Arena. Für Ornithologen ist das sicher kein guter Ort. Sie konzentrieren sich meist auch auf bestimmte Tiere. In dieser Aufnahme hier sind es die Wechselwirkungen der Gesänge, die zum Teil einen ganz eigenen Rhythmus haben, etwas quasi Musikalisches. Diese Geräusche eines Frühlingsmorgen-Erwachens ergeben ein irgendwie kunstvolles Geflecht. Die linear aufgezeichnete Stunde wurde hier auf 15 Minuten gerafft. Ich war bemüht, beim Schneiden keine hörbaren Brüche zu schaffen.

Frühlingserwachen vorm Balkon, aufgenommen vom Balkon der Lüdemannstraße 22, 2. Etage in Kiel am 26.05.2021 zwischen 04:00 und 05:00 Uhr. Sonnenaufgang: 04:56 Uhr.

Die Aufnahmesituationen in der Klanglandschaft Staddt lassen sich kaum arrangieren. Sie sind nicht detailliert planbar. Ich kann Ort und Zeit so wählen, dass ein erwartetes Resultat eintreten kann; aber ich kann die Bedingungen nicht wirklich kontrolliren, wie das ein Maler bei seinem Gemälde tun könnte.

Ich habe die Balkon-Session an einem Sonntag morgens wiederholt: am 06.06.2021 ab 03:45 Uhr. Sonnenaufgang in Kiel an diesem Tag war um 04:48 Uhr.

Das Ensemble der Vögel war etwas anders besetzt als vor 10 Tagen. Und es gab mehr Klänge, die von Menschen gemacht wurden. Gegen Ende der Aufnahme gibt es Laute aus Wohnungen. Ein Flugzeug habe ich mitgenommen. Es wird erkennbar, wie lange so ein Düsenjet im Klangbild bleibt.

Das besondere Produktionserlebnis – Mit der Dichterin durch Vorpommern

Gisela Kraft gehört zu den wunderbarsten, außergewöhnlichsten Begegnungen meines Lebens. Dass ich mich ihr so sehr nähern durfte, dass daraus eine Porträt-Produktion werden durfte, bleibt auf der Habenseite für mich – auch wenn diese Arbeit niemand haben wollte. „Ach, das ist doch die Verrückte, die über die innerdeutsche Grenze in der falschen Richtung gewechselt ist“, meinte ein Kulturredakteur meines Senders, der gerade dabei war, die Ostgeschichte neu zu sortieren.

Vielleicht sollte der Wikipedia-Eintrag mal überarbeitet werden. Dass Gisela Kraft 1984 von Westberlin in die DDR übersiedelte, erklärt sich nicht mit der oberflächlichen politisch-ideologischen Messlatte. Wer es genauer wissen will, möge zuhören. Es hat etwas zu tun mit Ostberliner Verlagsleuten, die an ihrer Arbeit interessiert waren, und mit mythischen Tieren, von denen ihr eins auf Usedom begegnete. Die Katzenfreundin, die es eigentlich nach Anatolien zog, fand auf der Insel eine Katze, die ihr signalisierte, dass der Orient schon an der Oder beginnt.

Gisela Kraft 1997 am Feldrain in Klein Bandelvitz über ihre Entdeckung des nahen Ostens bei den Sorben und des Orients auf der Insel Usedom

Das Interview und die Gedichte für meine Produktion nahmen wir auf, nachdem wir uns in Greifswald auf dem Bahnhof getroffen hatten und gemeinsam mit dem Zug auf die Insel Rügen gefahren waren. Unser Ziel war ein Ort der Kindheit meiner Autorin. Die Kriegswirren hatten ihre Familie auf den Gutshof Klein Bandelvitz verschlagen. Dort fragten wir die Hausherrin, ob wir uns auf ihrem Grundstück einen Ort für eine Tonaufnahme suchen dürften. Dass diese Frau keine weiteren Fragen stellte, ist schon beachtenswert, denn wir waren ein ungewöhnliches Paar. Gisela Kraft konnte nicht gut laufen infolge eines Hüftschadens. So traten wir auf als die Lahme und der Blinde. Und wir setzten uns an den Feldrain, um unsere Aufnahmen zu machen mit meinem zu billigen Mikrofon.

Es ging mir darum, eine bestimmte Seite aus dem literarischen Werk der damals wohl bedeutendsten Übersetzerin aus dem Türkischen zu magischem Leben zu erwecken – die Gedichte, die im Landstrich Vorpommern zu verorten waren, die dieser hier.

Wie hatte ich die zu dieser Zeit in Weimar lebende Dichterin eigentlich kennen gelernt? Es war bei einem Lesekonzert im September 1994, zu dem Gisela Kraft mit meiner Bekannten Barbara Thalheim nach Greifswald gekommen war. Sie gab in dem Programm „Müllnahme“ sehr überzeugend eine infolge einer Wohnungsräumung versehentlich obdachlos gewordene Frau mit Flachmann auf Parkbank, sinnierend über die Dinge des Lebens.

Drei Jahre später fuhren wir also gemeinsam mit dem Zug durch das mit Texten aufgeladene Land.

Hier nun ist Gelegenheit, meine Produktion aus 1999 in Gänze zu hören.

Das Nachspiel – der Boltenhagener Bücherfrühling

Ehe sie im Januar 2010 starb, war Gisela Kraft noch zweimal zu Gast beim Boltenhagener Bücherfrühling, einmal in einem Anatolisch-deutsch-sorbischen Lyrikabend mit Bennedikt Dyrlich: „Lautklang und Sprachbild aus näherem und fernerem Osten„. Am Morgen danach hatten wir das unvermeidliche Porträtgespräch. Hier ist der Teil davon, in dem Gisela Kraft mit uns über die Brückenschläge sprach zwischen dem deutschen und dem türkischen Ufer, zwischen denen auch sie als Übersetzerin Brücken baute.

Hier veröffentlichen wir eine gekürzte Aufnahme dieses Gesprächs.

In ihren Selbstauskünften sagte uns Gisela Kraft, dass sie ja eigentlich keine Übersetzerin ist, sondern eine Poetin, die sich für andere Sprachen interessiert. Als solche war sie unterwegs zwischen Ufern, worüber wir ausführlich miteinander sprechen konnten. Übrigens waren wir wohl die Ersten, denen sie verriet, dass sie doch noch mal einen Nazim-Hikmet-Band veröffentlichen will, was dann nicht drei sondern fünf Jahre später auch geschah (Nâzim Hikmet: Die Namen der Sehnsucht, Zürich 2008).

Es hat sich seit den 1980er Jahren etwas soziokulturell verändert, was für die Übersetzerin der frühen Jahre in den Konsequenzen nicht ganz schmerzfrei bleiben konnte: Es emanzipierten sich türkisch stämmige Poeten heran, die selbst in die deutsche Sprache hineingewachsen sind und dieser mächtig sind wie andere hierzulande auch. Die Konsequenz in den Worten von Gisela Kraft beim Bücherfrühling 2003: „Ich hab‘ im Grunde die meisten türkischen Autoren zum Feind.“

Hier nun der Extrakt unseres Gesprächs vom 10.04.203. Wir hören so erfrischende Auskünfte wie die, dass die Araber als semitische Volksgruppe ja eigentlich keine Antisemiten sein können, ohne sich selbst zu hassen, dass in der DDR ein im Westen verbotener Gedichtband mit ihren Nazim-Hikmet-Nachdichtungen erschienen war, und manches mehr.

Gisela Kraft beim V. Boltenhagener Bücherfrühling am 10.04.2003 vormittags im Porträtgespräch über ihre Arbeit als Übersetzerin

Kieler Stadt-Klang- Reflexionen: aus Lärm mach‘ Kunst!

Kiel ist genervt. Seit Wochen hallt das Geräusch einer Ramme weitflächig über den Stadtteil Südfriedhof bis hinein in die Innenstadt. Das Geräusch, das manchmal entfernt an den Trommler auf einem Drachenboot erinnert, kriecht in die Wohnungen, bricht sich in den Straßen.

Am Prüner Schlag entsteht ein Möbelhaus. Für den Bau mussten Kleingärten weichen, wurden am Ende mehr Grünflächen platt gemacht als nötig war. Und dann dieses Baustellengeräusch!

Anfänglich wussten wir gar nicht, woher dieses Trommeln kam. Und wenn Du versuchst, es mit den Ohren zu orten, narren dich die Echos, die Straßen und Baulücken, die Dir andere Richtungen vorgaukeln. Mehrfache Echos machen die Täuschung vollkommen. Und dann entdeckte ich beim Gang durchunsere Wohngegend, wie alle diese Reflexionsflächen, Durchgänge, Häuserfronten und Höhenprofile unserer Steinstadt plötzlich zur Soundkulisse wurden.

Das habe ich dann eingefangen mit Mikrofonen, die man sich in die Ohren steckt und die dann einen sehr räumlichen Klangeindruck festhalten, der mit Kopfhörern sehr plastisch reproduziert werden kann. Beim Gehen durch eine Stadtlandschaft, die derart zum Klingen gebracht wird, entsteht unweigerlich ein Kunstwerk. Ich bin glücklich, es nicht verpasst zu haben, diese unwiederbringliche urbane Klanginstallation für die Nachwelt festgehalten zu haben, und wünsche viel Freude beim Eintauchen in dieses in Teilen durchaus musikalische Panorama.

Weihnachten inmitten der Katastrophe – vor 75 Jahren: die erste Friedensweihnacht

Für NDR1 Radio MV durfte ich vor 25 Jahren eine Sendung über die erste deutsche Friedensweihnacht machen, die damals auch schon 50 Jahre zurück lag. Zu den pandemischen Weihnachten 2020 kann es eine besondere Perspektive ergeben, jetzt noch mal darauf zurück zu kommen.

Ich habe trotzdem gezögert, meine Sendung noch mal online zu stellen. Ich war beim Einlesen des Manuskripttextes – besonders am Anfang furchtbar aufgeregt und habe gar nicht gut gesprochen. Ein Wunder, dass das trotzdem gesendet wurde. Aber die verwendeten Tagebücher aus dem Dezember 1945 sind es Wert, heute wieder gehört zu werden. Sie entstanden in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager, in der polnisch werdenden Stadt Swinemünde und in einer mecklenburgischen Kleinstadt.