Warum ich, Jürgen Trinkus, nicht gendere

Sowohl in der gesellschaftlichen Wirklichkeit als auch in der Sprache gibt es Ungleichgewichte. Sowohl die gelebte Realität als auch die lebendige Sprache verändern sich – hoffentlich in Richtung auf mehr Gerechtigkeit, mehr Partizipation, Diversität, Integration und Inklusion. Sensibilität und Achtsamkeit sind dabei katalysatorisch wirkende Werte.

Wenn es um Sachinhalte geht, spielt das tatsächliche oder gefühlte Geschlecht keine inhärente Rolle. Hier eine Geschlechtsdimension hinein zu tragen, ist eine sachfremde Ideologisierung.

Die handstreichartige Sprachnormierung durch gendergerechte Außerkraftsetzung der gewachsenen Grammatik und Orthographie hat uns ein abgehobenes, nicht sachgerechtes Polarisierungspotenzial beschert. Der Versuch, Geschlechter-Diversität in der Sprache auszudrücken, tut vordergründig genau das Gegenteil von dem, was wohl beabsichtigt ist: sexuelle Befindlichkeit wird zentriert. Statt das gefühlte Geschlecht zur Privatsache zu machen, wird es per Sprache zur öffentlichen Angelegenheit gemacht.
Statt Versachlichung Emotionalisierung! Statt gelebter Vielfalt sprachliche Uniformierung! Statt Eleganz in Wort und Schrift grammatikalisch-orthographische Entgleisungen.

Ob die Besucher einer Ausstellung männlich, weiblich, trans- oder was auch immer -sexuell sind, interessiert mich nicht. Sie sind konkrete Menschen, die im Plural unter einen Begriff subsummiert werden müssen. Im Singular stellt sich das Problem ja gar nicht. Da ist die Julia eine Vermittlerin und der Julius ein Vermittler. Im Plural wird das Geschlecht in der gewachsenen Grammatik eliminiert, in der aufgesetzten Grammatik wird die banale Tatsache, dass wir sexuell divers sind, auf eine sperrige Weise ausgestellt.

Die meisten Museumsmitarbeiter, besonders im Vermittlungsbereich sind weiblich. Das ändert sich nicht dadurch, dass ich sie Mitarbeiterinnen nenne; ebenso wenig wird die aktuell noch feststellbare jedoch im Wandel begriffene Tatsache sprachlich zum Verschwinden gebracht, dass auf der oberen Leitungsebene, der „Chefinnen“-Ebene noch die Männer dominieren.

Wer glaubt denn ernsthaft, dass „Experten in eigener Sache“ männlich gedacht werden, wenn ich nicht den Wurmfortsatz „*innen“ anhänge?

Ich bedauere, dass das grammatikalische Geschlecht in der deutschen Sprache uns so viele Schwierigkeiten macht. Ich glaube nicht, dass sich das durch die Erfindung des diversen Geschlechts, durch die brachiale und scheinbare Gendergerechtigkeit in derSprache überwinden lässt. Vielleicht wird es uns irgendwann unangenehm aufstoßen, dass „das Kind“ sprachlich als Neutrum daher kommt. Im sächlichen Wort Kind eine Diskriminierung zu sehen, könnte Leuten einfallen, die als Beauftragte für Diversifizierung, Sensibilisierung, Integration und was weiß ich noch angestellt und bezahlt werden. Sie benötigen ideologische Baustellen für die Rechtfertigung ihrer Daseinsberechtigung. Dass diese Leute an Hochschulen, in Institutionen bezahlt werden und ihre Daseinsberechtigung manifestieren können, ist für mich Ausdruck unseres ökonomischen Reichtums unserer Luxuskultur.

Der soziale Wandel ist im Gange. Er verändert auch die Sprache. Sprache ist Überbau und Ausdrucksform der Verhältnisse. An ihr muss nicht gezerrt und geschraubt werden. Daher habe ich aus einem Beitrag, den ich schrieb und mit Sternchen-Anhängseln zugepflastert hatte, diese deklarative Redundanz nun wieder entfernt und fühle mich befreit dadurch.

Schweden hören im Sommer

Diese Klangreise entstand im Sommer 1997.

Vorgeschichte und Hintergrund

In das Ferienhaus im schwedischen Halland hatte ich die OKM-Ohrmikrofone und einen DAT-Recorder mitgenommen. Und im Kopf trug ich eine Passage aus dem Buch von John Hull: „Im Dunkeln sehen“:

„Regen hat die Eigenart, die Umrisse aller Dinge hervorzuheben (…) wo vorher eine unterbrochene und damit zersplitterte Welt war, schafft der gleichmäßig fallende Regen eine Kontinuität akustischer Wahrnehmung.“

John M. Hull: Im Dunkeln sehen. Erfahrungen eines Blinden : Verlag C. H. Beck, München 1992, Kapitel „Regen“, S. 46

Wenn es also mal regnete oder gewitterte in diesem Urlaub, war das für mich eine gute Gelegenheit, der Ermunterung des Oxford-Professors zu folgen, der seine Erblindung so produktiv verarbeitet hat. Regen feierte John Hull als eine Schallquelle, die eine Landschaft weiträumig hörbar machen kann.

In einem Supermarkt entdeckte die Familie dann zwei CDs mit dem passenden Titel „Här är den sköna sommar„. Einige der Lieder trafen sehr unser Urlaubslebensgefühl in Schweden.

Ich arbeitete damals noch für den N’DR in Mecklenburg-Vorpommern und hatte eine Idee zu einer Sendung: „Arten den Regen zu hören“. Ein Hörfunkprogramm in einem Urlaubsland könnte die Sonnenanbeter, die jeglichen Regen als Spaßverhinderer empfinden, doch mal anregen, mit den Ohren auf Entdeckungstour zu gehen.

Was ich dann aus den Aufnahmen unseres 1997er Urlaubs machte, war mir eine Art Vorstudie für so eine Sendung. Ich habe das Konzept dann nicht weiter verfolgt. Es hätte vermutlich auch keine Chance in einem Programm, das bei Machern und Hörern eher als Nebenbei- und Begleitmedium denn als Intensivangebot verstanden wird.

Aber die hier veröffentlichte Produktion kann für sich stehen. Sie fand zwar nicht den Weg zu breitem Publikum; doch darum ging und geht es ja nicht.

Die Aufnahmen

Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 30. Juni und 12. Juli 1997 rund um unser Ferienhaus in Hallands län, in Halmstad und auf der Fähre Trelleborg-Rostock. Schnitt und Mischung erfolgten mit einem analogen Mischpult und einem digitalen 4-Spur-Harddisk-recorder DR4 der Firma AKAI bei mir zu Hause in Greifswald. Verwendet wurden Texte von Hermann Hesse aus „Siddhartha“ sowie John M. Hull: „Im Dunkeln sehen“ sowie Liedmaterial von den CDs Här är den sköna sommaren by Evert Taube.

Stadtklang entdecken und festhalten

Es gibt schon Leute, die das mit Leidenschaft betreiben, was unter Begriffen gefasst wird wie Urban Sounds oder Soundscape. Für mich ist ein wichtiger Bezugspunkt die Theorie und Praxis des Züricher Klangkünstlers Andres Bosshard. Siehe dazu mehr weiter unten!

Nur ein einziges mal allerdings erlebte ich selbst, dass dies bis ins Tourismus-Marketing einer Großstadt hineinwirkte. Das war in Hongkong. Dort gibt es zahllose Verkehrsampeln mit akustischen Freigabesignalen, die ungedämpft und um die Wette piepen und tuten. Diese Kakophonie aus Sinustönen bricht sich vielfach in den Häuserschluchten, sodass es schon als akustische Umweltbelastung qualifiziert werden kann. Die Bewohner dieser geschäftstüchtig lärmenden Metropole scheinen das jedoch mit Gelassenheit zu sehen. Als wir mit „Big Bus“ durch Hongkong tingelten und dabei dem Audioguide lauschten, der in 10 Sprachen verfügbar ist, hörte ich, dass es für diese ganz besondere Klangkulisse einen stolzen Namen gibt: „The Sound of Honkong„. Zu ärgerlich, dass ich davon keine Tonaufnahme mitgebrachtr habe.

Festgehalten habe ich – wenn auch mit unzureichender Mikrofonausstattung – ein anderes städtisches Klangereignis in Shanghai. Im dortigen Century Park finden alljährlich Anfang Oktober an drei aufeinander folgenden Tagen gigantische Feuerwerksinszenierungen statt, zu denen Pyrotechniker vieler Länder beitragen. Wir waren am 03.10.2021 zu Besuch in einer Wohnung, deren Balkon direkt auf den Park ging und also eine Art Logenplatz bot für das, was da abging. Der große Park fasste gar nicht alle interessierten Zuschauer. Auf der vorbei führenden vielspurigen Straße stand der Verkehr. Und die Explosionen der Feuerwerksbatterien waren zum Teil so heftig, dass die Alarmanlagen parkender Autos ausgelöst wurden, was von unserem Platz aus gleichfalls zu erleben war. Die vier Ebenen des Feuerwerks und die fünfte Ebene der reagierenden parkenden Fahrzeuge konnte ich mit dem mitgeführten Rekorder, einem einfachen Olympus-Diktiergerät, nicht in gebotener Differenzierung festhalten. Doch nach dieser Vorrede lässt sich vielleicht trotzdem ahnen, was da an Unerhörtem zu hören war.

Es genügt nicht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das auch zu realisieren. Auch die Technik sollte dem Moment gewachsen sein, was hier leider nicht der Fall war.

Ich selbst war neulich auf die Stadtklänge zurück gekommen, als die rhythmischen Arbeitsgeräusche einer ungeliebten Baustellen-Ramme Teile der Stadt Kiel in einen Resonanzraum verwandelten, dem etwas Faszinierendes abzugewinnen war. Da entstand ein akustisches Spiegelkabinett, das mir sehr festhaltenswert erschien. Siehe dazu den entsprechenden Beitrag!

Die Suche nach der Kieler Stadtklang-Ikone

Das Kieler Motiv ist mir schon klar. Nun muss ich es nur noch einfangen.

Drei Glockenspiele tönen durch die Altstadt: Das vom Rathausturm:

Glockenspiel vom Kieler Rathausturm, aufgenommen vor dem Opernhaus, sitzend bei der Skulptur „Bonne fée de maison“ von Tauno Kangro

Das zweite charakteristische Glockenspiel befindet sich am Alten Kloster. Es handelt sich um das Kieler Carillon, hier aufgezeichnet auf dem Klosterplatz.

Mittagsglocke und Carillon des Alten Klosters Kiel, aufgenommen auf dem Klosterplatz am 09.05.2021 um 12 Uhr, hier in einer Verkürzung

Die Dominante der großen Drei ist die Nikolaikirche. Ihr Geläut kann sehr eindrucksvoll erfahren werden, wenn man durch die Holstenstraße auf die Kirche zugeht. In der folgenden Aufnahme komme ich vom Holstenfleet durch die Holstenstraße. Im Nahbereich der Kirche ist das Geläut gedämpft. Wir treten in den Vorraum der Kirche. Nach dem Verlassen klingt das Mittagsgeläut aus und fern ist das Carillon des Kieler Klosters zu hören. Wir nähern uns dem Glockenspiel.

Die Frage ist, ob es gelingt, alle drei Geläute von einem bestimmten Punkt in Dreieinigkeit aufzuzeichnen. An einem Sonnabend stellte ich fest, dass um 12 Uhr alle drei nahezu in Aktion treten – zeitlich leicht versetzt. Am Sonntag funktionierte das nicht, weil die Kirche da einen anderen Zeitplan verfolgt. An einem Wochentag kann zu starker Autoverkehr das Klangbild beeinträchtigen. Falscher Wind und unpassender Regen können auch den Erfolg verhindern.

Als nächsten Aufnahmepunkt wählte ich einen Schnittpunkt zwischen Rathausturm und Nikolaikirche mit der Hoffnung, dass dort auch das Carillon zu hören sei. Die beiden großen Geläute konnte ich tatsächlich einfangen an der Bushaltestelle Martensdamm. Störend war der Autoverkehr und enttäuschend, dass das Carillon von Häusern zu sehr abgeschirmt war.

Rathausglockenspiel und St. Nikolai 12 Uhr mittags vom Martensdamm her aufgenommen

Die Jagd nach dem richtigen Klangbild gestaltet sich also ähnlich schwierig wie die nach dem gelungenen Foto. Es gibt tatsächlich eine Reihe von Analogien zwischen Fotokunst und Soundscaping.

  • Das Arrangement muss stimmen!
  • Die Ausleuchtung muss Klarheit/Stimmigkeit schaffen!
  • Die Aufnahmetechnik muss der Aufgabe gewachsen sei!
  • Störende Einflüsse sollen das Werk verschonen!
  • Der Auslöser muss zur richtigen Zeit am richtigen Platz bei Gegebenheit der obigen Faktoren gedrückt werden!

So einfach ist das!

Andres Bosshard und seine Züricher Klangspaziergänge

Vor einigen Jahren fiel mir dieses Buch in die Hände: Andres Bosshard: Stadt hören : Klangspaziergänge durch Zürich. Mit der Komposition „Choreophonie des Stadtklangs von Zürich“ Verlag Neue Zürcher Zeitung. ISBN 978.3.03823.549.1

Hier ein Auszug aus meinem Konspekt:

Der Autor der Hörspaziergänge durch Zürich ist kein Blinder. Er ist tief eingedrungen in die akustische Wahrnehmung. Doch findet man auch bei ihm, dass dem Raumhören teilweise sogar die eigene Sprache fehlt. So spricht er bildhaft vom Hörblick, Höraussichtspunkt oder der Klangfatamorgana, Klangschatten oder Camera Obscura. Ein Raum kann akustisch erblinden. Es gibt aber auch die Hörorte und Resonanzräume, eine Tieftonfalle und Klangwellen, Klangwind, Klangtore und -schleusen. Licht und Schall gemeinsam haben Weißes Rauschen, Panoramen. Er betreibt Klangtriangulation des Stadtraums mit Hilfe von Glocken.

Seine Vision ist es „Kunst die Stadt akustisch zum blühen zu bringen“. Nun sehne ich mich nach einem Stadtentwickler/Architekten, der bereit ist, „auf der Grundlage des Stadtplans einen Stadtklangplan zu entwerfen.“

Im Glossar heißt es unter dem Stichwort Stadtstimmen:

„Im Stadtraumkonzert sind mehrere, deutlich unterscheidbare Stimmen aktiv: die Schritte gehender Menschen zum Beispiel bilden am frühen Morgen eine perkussive Begleitstimme vieler Straßen und Plätze. Eine weitere geheimnisvolle Stadtstimme sind die 1200 ständig fließender Brunnen. Wenn alle andern Stimmen schweigen würden, könnte man im gesamten Stadtgebiet das Murmeln der Brunnen hören. Im Alltagslärm gehen sie oft vollständig unter. Sie sind deshalb auch als Indikatoren für die Lärmbelastung sehr wertvoll.“

Zitiert aus der Brailleschriftausgabe, Bd.2 S. 178-179

Wasserspiele in Kiel

Nun hat meine architektonisch eher abweisend und unfokussiert wirkende Stadt Kiel keine 1200 Brunnen und die im Innenstadtbereich vorhandenen sind weder optische noch akustische Schönheiten. Immerhin vermehren sie sich. Hier dazu ein paar eigene Aufnahmen.

Kaskadenartig über 4 Ebenen angelegt ist das Wasserspiel auf dem Europaplatz. Bei der folgenden Aufnahme habe ich mich zwischen zwei Ebenen positioniert.

Wasserspiel Europaplatz

Wasserspiele sind Marker einer Landschaft. Wer sich darauf einlässt, kann sich selbst zentrieren und in meditative Zustände gleiten lassen. Bewegen wir uns in der Klanglandschaft, sind die Veränderungen wahrnehmbar, die sich ergeben durch Entfernungen, durch Reflexionsflächen und Perspektivverschiegungen. Vor allem Gebäude erzeugen Spiegelungen, Ablenkungen oder Absorbtionen. Der Schall entfaltet sich in der Geometrie des bebauten Raums, die wir durchwandern. Das Material, aus dem die Flächen beschaffen sind, auf die er trifft, spielt auch eine Rolle.

Eine Tonaufnahme plätschernden Wassers von Bächen, Fontänen oder Kaskaden ist freilich eben nur eine Tonaufnahme. Sie entbehrt der tatsächlichen Anwesenheit des Raumes, in dem sie entstand. Interessant bleiben sie, wenn der Entstehungsraum belebt wird, wie in diesem Beispiel eines Wassespiels vom neuen, noch etwas trist in Beton gefassten Holstenfleets. Als ich mit meinen Kopfmikrofonen vor den kleinen Fontänen stand, bewegten sich hinter mir Leute über die Holzbohlen.

Wasserspiel am Holstenfleet

Unsere Brunnen und Fontänen sind vergleichsweise langweilig. Kontrastierend dazu hier eine Aufnahme aus der freien Natur in einem Ausschnitt aus meiner Klangstudie „Schweden hören im Sommer“ vom Sommer 1997.

Ein kleiner Fluss in Schweden, der sich in einer Schlucht breit machen kann

Menschen als Kulisse

Ein großer Platz. Er wird hörbar durch die Menschen, die auf ihm herum wuseln. Es ist Wochenmarkt auf dem Exerzierplatz in Kiel. Die Leute tun, was sie auf einem Wochenmarkt so tun. Wir belauschen sie, ohne ihre Anonymität aufzubrechen.

Impressionen vom Wochenmarkt in Kiel am 15.05.2021

Den Raum hören lernen

In der folgenden Aufnahme gibt es verschiedene Bereiche, die sich bei entsprechender Aufmerksamkeit gut unterscheiden lassen. „Hören ist wissen“, sagte mir einst ein musischer Freund. Also führe ich die geneigten Hörer mit hoffentlich passablen Kopfhörern auf den Ohren mal durch die Momente dieser Aufnahme, die am 22. Mai 2021 im Klostergarten unter dem Kieler Carillon entstand.

Zunächst hören wir die Turmglocke. Sie scheint tatsächlich von weit oben zu kommen. Spatzen im Vordergrund machen die Relation wahrnehmbar. Gerd Heinrich spricht seine Begrüßungsworte unter dem Baum stehend, hier von weit links zu hören. Die Turmglocke schlägt weiter 11 Uhr. Wir sitzen unter einem kleinen Vordach. Das wird hörbar durch den Regen, der darauf fällt. Aus größter Nähe sagt meine Frau, dass ich dichter heranrutschen soll.

Leute klatschen Beifall. Man kann deutlich in der Mitte diejenigen unter dem Dach von denen unterscheiden, die weiter links im Freien stehen.
Bevor Gunther Strothmann zu spielen beginnt, hört man noch eine Amsel und ein Baustellengeräusch. Dass das Carillon von oben erklingt, sollte deutlich zu hören sein. Der Regen auf dem Dach ist dichter über uns. Vögel, Menschen, die sich unterhalten und vorbei fahrende Autos stören aber schaffen auch Raumtiefe.

Beginn des 1. Kieler Carillon-Konzerts nach der Corona-Pause. 22. Mai 2021 um 11:00 Uhr.

Stadtklang im Wechsel der Tageszeiten

Tag und Nacht

Der Einfluss der Rhythmen der Natur scheint in den Hintergrund zu treten, wo die sog. Zivilisation den Ton angibt. Selbst der Wechsel von Tag und Nacht relativiert sich in den „Weltstädten“: „Die Nacht zum Tage machen“ heißt das wohl auch. Ganz abgekoppelt sind wir aber nicht vom Lauf der Jahre und Tage. Auch wenn immer etwas Unruhe bleibt – nachts schlafen die Städte. Die doch noch vorhandenen Geräusche kontrastieren zur relativen Stille, sind auffälliger und breiten sich weiter aus.

Und damit kommen wir zum Humboldt-Effekt. Ich „entdeckte“ ihn für mich durch ein großartiges Hörstück des bolivianischen Autoren Daniel Velasco in einer Produktion von Deutschlandradio aus dem Jahr 2001.

In der Nacht breitet sich der Schall ungehindert aus, hören wir weiter. Das Phänomen kennen wir bestimmt alle; ich jedenfalls habe es schon als 5-Jähriger wahrgenommen und darüber sinniert. Unser „gesunder Menschenverstand“ erklärt sich den Tag-Nacht-Unterschied durch die Ruhe, die im Dunkeln einkehrt. So ging es auch dem Weltreisenden und Gelehrten Alexander von Humboldt, bis er in den Amazonas-Nächten bemerkte, dass der tierische Lärm keineswegs abnimmt in den Tropenwäldern; und dennoch war die Ausbreitung des Schalls in der Dunkelheit eine weitere. Der genaue Beobachter Humboldt hielt seine Wahrnehmung fest und stellte dazu Überlegungen an. Eine wissenschaftliche Erklärung wurde aber erst gefunden mit der Teilchenphysik des 20. Jahrhunderts.

Licht ionisiert und Wärme bringt die Luftmoleküle in Bewegung. Diese Kinetik der Atmosphäre dämpft die Ausbreitung des Schalls. Nachts kommt die Luft zur Ruhe. Der Schall breitet sich besser aus.

Das Morgenerwachen

Die folgende Tonaufnahme entstand in der Stunde vor Sonnenaufgang. Der Menschen- und Verkehrslärm ist noch kaum erwacht. Beginnend mit den Amseln kommen die Vögel in die Gänge.

Eine Besonderheit dieser Aufnahme soll noch erwähnt sein: mit den OKM-Mikrofonen in den Ohren saß ich still auf unserem Balkon. Zwischen den Häusern existiert ein besonderer Resonanzraum für die Geräusche. Die urbane Bebauung schafft unseren Singvögeln eine Arena. Für Ornithologen ist das sicher kein guter Ort. Sie konzentrieren sich meist auch auf bestimmte Tiere. In dieser Aufnahme hier sind es die Wechselwirkungen der Gesänge, die zum Teil einen ganz eigenen Rhythmus haben, etwas quasi Musikalisches. Diese Geräusche eines Frühlingsmorgen-Erwachens ergeben ein irgendwie kunstvolles Geflecht. Die linear aufgezeichnete Stunde wurde hier auf 15 Minuten gerafft. Ich war bemüht, beim Schneiden keine hörbaren Brüche zu schaffen.

Frühlingserwachen vorm Balkon, aufgenommen vom Balkon der Lüdemannstraße 22, 2. Etage in Kiel am 26.05.2021 zwischen 04:00 und 05:00 Uhr. Sonnenaufgang: 04:56 Uhr.

Die Aufnahmesituationen in der Klanglandschaft Staddt lassen sich kaum arrangieren. Sie sind nicht detailliert planbar. Ich kann Ort und Zeit so wählen, dass ein erwartetes Resultat eintreten kann; aber ich kann die Bedingungen nicht wirklich kontrolliren, wie das ein Maler bei seinem Gemälde tun könnte.

Ich habe die Balkon-Session an einem Sonntag morgens wiederholt: am 06.06.2021 ab 03:45 Uhr. Sonnenaufgang in Kiel an diesem Tag war um 04:48 Uhr.

Das Ensemble der Vögel war etwas anders besetzt als vor 10 Tagen. Und es gab mehr Klänge, die von Menschen gemacht wurden. Gegen Ende der Aufnahme gibt es Laute aus Wohnungen. Ein Flugzeug habe ich mitgenommen. Es wird erkennbar, wie lange so ein Düsenjet im Klangbild bleibt.

Das besondere Produktionserlebnis – Mit der Dichterin durch Vorpommern

Gisela Kraft gehört zu den wunderbarsten, außergewöhnlichsten Begegnungen meines Lebens. Dass ich mich ihr so sehr nähern durfte, dass daraus eine Porträt-Produktion werden durfte, bleibt auf der Habenseite für mich – auch wenn diese Arbeit niemand haben wollte. „Ach, das ist doch die Verrückte, die über die innerdeutsche Grenze in der falschen Richtung gewechselt ist“, meinte ein Kulturredakteur meines Senders, der gerade dabei war, die Ostgeschichte neu zu sortieren.

Vielleicht sollte der Wikipedia-Eintrag mal überarbeitet werden. Dass Gisela Kraft 1984 von Westberlin in die DDR übersiedelte, erklärt sich nicht mit der oberflächlichen politisch-ideologischen Messlatte. Wer es genauer wissen will, möge zuhören. Es hat etwas zu tun mit Ostberliner Verlagsleuten, die an ihrer Arbeit interessiert waren, und mit mythischen Tieren, von denen ihr eins auf Usedom begegnete. Die Katzenfreundin, die es eigentlich nach Anatolien zog, fand auf der Insel eine Katze, die ihr signalisierte, dass der Orient schon an der Oder beginnt.

Gisela Kraft 1997 am Feldrain in Klein Bandelvitz über ihre Entdeckung des nahen Ostens bei den Sorben und des Orients auf der Insel Usedom

Das Interview und die Gedichte für meine Produktion nahmen wir auf, nachdem wir uns in Greifswald auf dem Bahnhof getroffen hatten und gemeinsam mit dem Zug auf die Insel Rügen gefahren waren. Unser Ziel war ein Ort der Kindheit meiner Autorin. Die Kriegswirren hatten ihre Familie auf den Gutshof Klein Bandelvitz verschlagen. Dort fragten wir die Hausherrin, ob wir uns auf ihrem Grundstück einen Ort für eine Tonaufnahme suchen dürften. Dass diese Frau keine weiteren Fragen stellte, ist schon beachtenswert, denn wir waren ein ungewöhnliches Paar. Gisela Kraft konnte nicht gut laufen infolge eines Hüftschadens. So traten wir auf als die Lahme und der Blinde. Und wir setzten uns an den Feldrain, um unsere Aufnahmen zu machen mit meinem zu billigen Mikrofon.

Es ging mir darum, eine bestimmte Seite aus dem literarischen Werk der damals wohl bedeutendsten Übersetzerin aus dem Türkischen zu magischem Leben zu erwecken – die Gedichte, die im Landstrich Vorpommern zu verorten waren, die dieser hier.

Wie hatte ich die zu dieser Zeit in Weimar lebende Dichterin eigentlich kennen gelernt? Es war bei einem Lesekonzert im September 1994, zu dem Gisela Kraft mit meiner Bekannten Barbara Thalheim nach Greifswald gekommen war. Sie gab in dem Programm „Müllnahme“ sehr überzeugend eine infolge einer Wohnungsräumung versehentlich obdachlos gewordene Frau mit Flachmann auf Parkbank, sinnierend über die Dinge des Lebens.

Drei Jahre später fuhren wir also gemeinsam mit dem Zug durch das mit Texten aufgeladene Land.

Hier nun ist Gelegenheit, meine Produktion aus 1999 in Gänze zu hören.

Das Nachspiel – der Boltenhagener Bücherfrühling

Ehe sie im Januar 2010 starb, war Gisela Kraft noch zweimal zu Gast beim Boltenhagener Bücherfrühling, einmal in einem Anatolisch-deutsch-sorbischen Lyrikabend mit Bennedikt Dyrlich: „Lautklang und Sprachbild aus näherem und fernerem Osten„. Am Morgen danach hatten wir das unvermeidliche Porträtgespräch. Hier ist der Teil davon, in dem Gisela Kraft mit uns über die Brückenschläge sprach zwischen dem deutschen und dem türkischen Ufer, zwischen denen auch sie als Übersetzerin Brücken baute.

Hier veröffentlichen wir eine gekürzte Aufnahme dieses Gesprächs.

In ihren Selbstauskünften sagte uns Gisela Kraft, dass sie ja eigentlich keine Übersetzerin ist, sondern eine Poetin, die sich für andere Sprachen interessiert. Als solche war sie unterwegs zwischen Ufern, worüber wir ausführlich miteinander sprechen konnten. Übrigens waren wir wohl die Ersten, denen sie verriet, dass sie doch noch mal einen Nazim-Hikmet-Band veröffentlichen will, was dann nicht drei sondern fünf Jahre später auch geschah (Nâzim Hikmet: Die Namen der Sehnsucht, Zürich 2008).

Es hat sich seit den 1980er Jahren etwas soziokulturell verändert, was für die Übersetzerin der frühen Jahre in den Konsequenzen nicht ganz schmerzfrei bleiben konnte: Es emanzipierten sich türkisch stämmige Poeten heran, die selbst in die deutsche Sprache hineingewachsen sind und dieser mächtig sind wie andere hierzulande auch. Die Konsequenz in den Worten von Gisela Kraft beim Bücherfrühling 2003: „Ich hab‘ im Grunde die meisten türkischen Autoren zum Feind.“

Hier nun der Extrakt unseres Gesprächs vom 10.04.203. Wir hören so erfrischende Auskünfte wie die, dass die Araber als semitische Volksgruppe ja eigentlich keine Antisemiten sein können, ohne sich selbst zu hassen, dass in der DDR ein im Westen verbotener Gedichtband mit ihren Nazim-Hikmet-Nachdichtungen erschienen war, und manches mehr.

Gisela Kraft beim V. Boltenhagener Bücherfrühling am 10.04.2003 vormittags im Porträtgespräch über ihre Arbeit als Übersetzerin

Kiel im Ohr: Klangspaziergang im akustischen Spiegel eines Baustellengeräuschs

. Ohrenblicklich liegt ein Klang in der Luft, der von einer prominenten Baustelle kommt. Ein ungeliebter Investor betoniert sich seinen Anspruch, ein Möbelhaus in die Stadtlandschaft zu klotzen. Das Geräusch wird bald vergangen sein und vergessen. Nein doch: zum Vergessen ist es doch zu schade. Wir lernen doch gerade gesamtgesellschaftlich, dass auch das größte Übel nicht vergeblich war, wenn wir daraus Nützliches mitnehmen für unser Danach.

Ich fand heraus, dass dieser harte, rhythmische Klang etwas macht mit der Stadtlandschaft: sie wird akustisch reflektiert. Und so möchte ich dazu ermuntern, mal mit gespannten Ohren durch die Straßen zu laufen und zu staunen. Meinen Klangspaziergang habe ich festgehalten mit Ohrmikrofonen, die meinen wandernden Kopf als Gehäuse nutzen. Das Geheimnis der kopfbezogenen Stereophönie ist ja, die Räumlichkeit, die sich den Hörenden vermittelt, die sich einen guten Kopfhörer aufsetzen. Somit ist diese Aufnahme die Einladung, mit meinen Ohren rund um den Schützenpark zu gehen im Februar-März 2021!Z

Blickfrei – mein erstes großes Kulturprojekt in Kiel

Als ich im Jahr 2000 nach Kiel gekommen war, begann ich, mich im Blinden- und Sehbehinderten-verein Schleswig-Holstein zu engagieren. Ich übernahm den Bereich Öffentlichkeitsarbeit und begründete in diesem Rahmen ein ambitioniertes Kulturprojekt, mit dem blinde die sehenden Menschen zu einem Perspektivwechsel jenseits des Augenscheins einluden.

Das Projekt nahm rasch Fahrt auf und entwickelte sich gut. Zeitgleich hatte ich mich in den Voollzeitjob beim NDR einzuarbeiten. Blickfrei war Ehrenamt und vor allem Freizeit.

Seitens der Geschäftsführung des BSVSH wurde meine Arbeit – gelinde gesagt – zu wenig mitgetragen. Nachdem ich das Ehrenamt der Öffentlichkeitsarbeit niedergelegt hatte, wurde auch das Projekt Blickfrei aus der Chronik des Vereins getilgt. Die Online-Dokumentation verschwand aus dem Netz.

Ich erlaube mir hiermit, diese meine damalige Arbeit auf meiner privaten Homepage erneut online zu stellen.

Hier geht es zum Archiv des Kulturprojekts Blickfrei – Perspektivwechsel jenseits des Augenscheins

Kieler Stadt-Klang- Reflexionen: aus Lärm mach‘ Kunst!

Kiel ist genervt. Seit Wochen hallt das Geräusch einer Ramme weitflächig über den Stadtteil Südfriedhof bis hinein in die Innenstadt. Das Geräusch, das manchmal entfernt an den Trommler auf einem Drachenboot erinnert, kriecht in die Wohnungen, bricht sich in den Straßen.

Am Prüner Schlag entsteht ein Möbelhaus. Für den Bau mussten Kleingärten weichen, wurden am Ende mehr Grünflächen platt gemacht als nötig war. Und dann dieses Baustellengeräusch!

Anfänglich wussten wir gar nicht, woher dieses Trommeln kam. Und wenn Du versuchst, es mit den Ohren zu orten, narren dich die Echos, die Straßen und Baulücken, die Dir andere Richtungen vorgaukeln. Mehrfache Echos machen die Täuschung vollkommen. Und dann entdeckte ich beim Gang durchunsere Wohngegend, wie alle diese Reflexionsflächen, Durchgänge, Häuserfronten und Höhenprofile unserer Steinstadt plötzlich zur Soundkulisse wurden.

Das habe ich dann eingefangen mit Mikrofonen, die man sich in die Ohren steckt und die dann einen sehr räumlichen Klangeindruck festhalten, der mit Kopfhörern sehr plastisch reproduziert werden kann. Beim Gehen durch eine Stadtlandschaft, die derart zum Klingen gebracht wird, entsteht unweigerlich ein Kunstwerk. Ich bin glücklich, es nicht verpasst zu haben, diese unwiederbringliche urbane Klanginstallation für die Nachwelt festgehalten zu haben, und wünsche viel Freude beim Eintauchen in dieses in Teilen durchaus musikalische Panorama.

Talk über meine Kieler (NDR)-Jahre

Zu Beginn des Jahres 2021 endet mein 28-jähriges Berufsleben als Mediendokumentar im Bereich Hörfunk. Am Ende meiner 20 Kieler Jahre wurde mir die Ehre zuteil, für eine Sendereihe interviewt zu werden, die ich bislang nur zu archivieren hatte. Anlass sind 40 Jahre NDR-Landesprogramm für Schleswig-Holstein. Zufälligerweise entstand so auch die 40. Folge des „Schleswig-Holstein Schnack“

Schleswig-Holstein-Schnack mit Archivar Jürgen Trinkus Aufgezeichnet am 22.12.2020

Weihnachten inmitten der Katastrophe – vor 75 Jahren: die erste Friedensweihnacht

Für NDR1 Radio MV durfte ich vor 25 Jahren eine Sendung über die erste deutsche Friedensweihnacht machen, die damals auch schon 50 Jahre zurück lag. Zu den pandemischen Weihnachten 2020 kann es eine besondere Perspektive ergeben, jetzt noch mal darauf zurück zu kommen.

Ich habe trotzdem gezögert, meine Sendung noch mal online zu stellen. Ich war beim Einlesen des Manuskripttextes – besonders am Anfang furchtbar aufgeregt und habe gar nicht gut gesprochen. Ein Wunder, dass das trotzdem gesendet wurde. Aber die verwendeten Tagebücher aus dem Dezember 1945 sind es Wert, heute wieder gehört zu werden. Sie entstanden in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager, in der polnisch werdenden Stadt Swinemünde und in einer mecklenburgischen Kleinstadt.

Audio-Erinnerungen aus dem Bücherfrühlings-Archiv: Gustav Just

Heute Vormittag lief zufällig bei mir MDR Kultur. Ein Kalenderblatt-Beitrag, den ich vergeblich in der Mediathek suche, erinnerte mich an den 100. Geburtstag von Gustav Just.

Wir hatten das Glück, ihn im April 2003 unseren Gast nennen zu dürfen. Hilfreich dabei war wohl, dass Martin Just unser Freund und Unterstützer bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Schwerin war. Der Sohn machte es möglich, dass der gesundheitlich schon angeschlagene Gustav Just zu uns ins Ostseebad Boltenhagen kommen konnte.

Gustav Just am 10.04.2003 in Boltenhagen zur Person

Der Jahrgang 2003 war ein bemerkenswerter Bücherfrühlingsjahrgang. Das Thema lautete: „Übersetzer – die stilleren Helden des Literaturbetriebs„. Gustav Just war einer von diesen Helden.

Ein bewegtes mitteleuropäisches Leben im 20. Jahrhundert kann nur ein Leben voller Brüche sein. Für diese Feststellung steht Gustav Just ((Geboren am 16.06.2021 im böhmischen Reinowitz, gestorben am 23.02.2011 im brandenburgischen Prenden) exemplarisch.

Im Publikum saß der damals 90-jährige Pastor Erich Arndt. Beim Untergang der 6. Wehrmachtsarmee im Kessel von Stalingrad war Arndt der Divisionsseelsorger der 24. Panzerdivision. Diese 6. Armee wurde später in Frankreich neu aufgebaut. Gustav Just wurde dort einer ihrer Offiziere. Arndt und Just, die sich nicht kannten, überlebten das Weltkriegsinferno dank ihrer schweren Verwundungen und fanden beide eine politische Heimat der Wiedergutmachung und humanistischen Hoffnung in der Deutschen Demokratischen Republik. Dass Just dabei seinen Offiziersstatus zunächst verheimlichte, bewahrte ihn sicher vor der Internierung durch die sowjetische Besatzungsmacht, fiel ihm aber viel später doch auf die Füße.

Gustav Just war in den frühen 50er Jahren einer der bedeutendsten Kulturfunktionäre der DDR und hatte unmittelbar zu tun mit Persönlichkeiten vom Range Gret Palucca, Ernst Busch, Hanns Eisler, Walter Felsenstein, Anna Seghers. Johannes R. Becher hatte ihn für das Amt des Direktors der Akademie der Künste ausersehen. Bertold Brecht hätte ihn gern gesehen als Abteilungsleiter Literatur im Kulturministerium; doch er wurde für zwei Jahre Generalsekretär des Schriftstellerverbands. Mit dem Eingeständnis der kleinen biografischen Unwahrheit folgte die Degradierung zum stellvertretenden Chefredakteur der Zeitschrift des Kulturbundes „Sonntag“.

Es kam das unruhige Jahr 1956 mit seinen enttäuschten Hoffnungen auf Befreiung des Sozialismus vom Stalinschen Diktatorengeist. Just gehörte zu einem denkzirkel mit Walter Janka und Wolfgang Harig. Als die Gruppe Ulbricht die Oberhand gewann und zur politisch-juristischen Abrechnung mit den kritischen Geistern ausholte, wurde Just zunächst als zeuge vor Gericht zitiert und noch im Zeugenstand verhaftet und angeklagt.

Hier ergibt sich übrigens eine weitere Schnittmenge zu einem unserer Gast-AutorFriedrich Wolff. Der große Jurist, der 2002 unser Gast war, verteidigte zwei Mitangeklagte von Gustav Just.

Die Zuchthaus-Erfahrungen stellten die Weichen zu jenem neuen Lebensabschnitt, in dem Gustav Just zu einem der bedeutendsten Übersetzer der tschichischen und slowakischen Literatur wurde. Mehr als 120 Bücher kamen zusammen. Hier noch ein Ausschnitt aus unserem Porträtgespräch mit Lesung.

Gustav Just erzählt, warum er den Schwejk nicht neu übersetzte

Wir hatten Gustav Just als Übersetzer eingeladen. Er sprach über ein großes Werk der DDR-Vorlage, allen voran Volk und Welt, an dem er beteiligt war: die Literatur der Völker des Ostens in die deutsche Sprache geholt zu haben. Dazu las er einen Text aus Karel Čapeks Reisebildern aus den 30er Jahren. Es geht um Stockholm.

Gustav Just spricht über das große Übersetzerwerk der DDR-Verlage und liest ein Reisebild von Karel Čapek über Stockholm der 30er Jahre

Mir kam in Boltenhagen eine schöne, aber leider verspätete Idee. Die Texte in der Übersetzung Gustav Justs sollten der Nachwelt erhalten bleiben auch in jenem böhmischen Duktus, der verloren geht mit dem Vergehen der Generation der Vorkriegskinder. Die Berliner Blindenhörbücherei hatte auch schon andere Autoren ihre Bücher für ihre blinden Nutzer selbst einlesen lassen. Wenn auch Gustav Just dies tun würde, wäre das ein Stück von Kulturbewahrung jenseits des Kommerzes, für den solch ein Werk ja uninteressant war.

Der Plan war nicht mehr umsetzbar. Wegen der chronischen Bronchitis des 82-Jährigen wäre dieses Unterfangen eine einzige Quälerei geworden. Wie schön es hätte sein können, soll ein Ausschnitt aus unserem denkwürdigen Nachmittags im April 2003 belegen.

Gustav Just liest nach kurzer Einleitung von Peter Karvaš „Die Auferweckhung des Lazarus“

Weitere Fakten und Informationen enthält ein Dosier zu Gustav Just für die Teilnehmer des V. Boltenhagener Bücherfrühlings.