Mein schwieriger Umgang mit Punktschriftbüchern

Dieser Aufsatz erschien in Horus : Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter, 53 (1991) 3, S. 101-106

1. Über die Sinnlichkeit der Bücher

Bücher sind sinnliche Wesen mit Leib und Seele, mindestens für Menschen, die mit ihnen intimen Umgang pflegen, für Liebhaber. Der Buchleib, der Schriftkörper hat viele, mehr oder weniger aufregende Seiten. Die Seele steckt im Sinn, zu dem die Schriftzeichen sich verbinden. Selbst im Zeitalter der mittlerweile rechnergestützten Massenproduktion ist es der Buchkunst noch möglich, jede Edition mit Individualität auszustatten. Noch das zig-tausendste Exemplar einer Großauflage hat die gleiche Beschaffenheit, wie der Band, den Verleger und Autor nach vollbrachter Arbeit wie ein eigenes Kind liebkost haben könnten.

Meine Beziehung zum jeweiligen Buch vertieft sich mit dem Wissen um das einmalige Schicksal von Verfasser, Text, Edition und mitunter auch des einzelnen Exemplars, das ich berühre.

Nüchterne Gemüter werden diese Sicht kindisch bis kultisch finden. Sie haben recht und sind doch mindestens um einen Genuß ärmer. Selbst wenn ich mir ein Buch vorlesen lasse, habe ich das Bedürfnis, es in die Hand zu nehmen. Wenn mir auch seine optischen Reize unzugänglich sind, bleibt mir der Geruch, die Berührung des Materials, das Wiegen des Körpers in der Hand.

Mit der Punktschriftübertragung erfährt das Buch mindestens eine äußere Verwandlung. Meyers Taschenlexikon verwandelt sich in eine Handwagenladung mit der möglichen Folge von Platzangst. Blochs „Prinzip Hoffnung“ (in der Suhrkamp-Ausgabe 1624 Seiten) füllt nach der handschriftlichen Übertragung 33 Punktschriftbände.

Das Nachschlagewerk mag imposanter wirken, wenn es ganze Regale füllt. Der Berg des Philosophenwerkes, der sich in 17 Kartons türmt, muß schnellstens ab- und aus-dem-Haus-gearbeitet werden, weil er den Nachschub blockiert. Wie soll da eine intime Beziehung zum Buch aufkommen?

Das Punktschriftbuch hat Hörbuch und Digitalspeichern gegenüber den Vorzug, immerhin noch körperlich Buch zu sein. Aber die Form des Buches ist trotzdem schon eine gebrochene Form. Fast alle Momente der künstlerischen Gestaltung, die in der Vorlage noch mit dem Text korrespondierten, gehen in der Übertragung verloren. Der Spielraum für eine ästhetisch individualisierende Gestaltung des Punktschriftbuches ist gering. Variationen im Schriftbild läßt das 6-Punkte-System kaum zu. Variationen in der Schriftgröße sind für den tastenden Finger ein Problem.

Aufgelockerte Formatierung des Textes erhöht den ohnehin zu großen Platzbedarf. Bliebe noch die Wahl des Materials, aus dem das Buch gemacht ist, die Gestaltung des Einbandes und die Vielfalt der möglichen Buchformate. Es sind überwiegend Erwägungen der ™konomie, des vertretbaren Aufwands, die den Spielraum klein halten.

Punktschriftkörper sind mir erinnerlich geblieben aus frühester Schulzeit, vor dreißig Jahren. Es waren Vorkriegsausgaben, die aus unerfindlichen Gründen unsere Aufenthaltsräume bevölkerten und überwiegend achtlos bis grausam behandelt wurden. Ich weiß nicht mehr, was drin stand, aber ich kann noch den Eindruck abrufen, den es machte, diese Wunder in Furnier oder Leder, mit Messingbeschlägen, kunstvoll verschnörkelten tastbaren Aufdrucken und Buchseiten, die wie Pergament knisterten, anzufassen.

Eben hielt ich ein neuzeitliches Punktschriftbuch in der Hand, von dem für mich ein Gefühl angemessener Schönheit ausgeht; Hans Magnus Enzensbergers „Furie des Verschwindens“ in der 1986er Ausgabe der Marburger Blindenstudienanstalt. Dieses Buch ist schlicht und handlich, die Deckel dünn und doch stabil, der Einband abgesetzt mit griffigem Kunstleder, desgleichen die Buchecken. Dieses Buch liegt auf eigentümliche Weise leicht in den Händen. – Mit einem kleineren Format hätten es die Editoren vielleicht versuchen können. Die Zeilen der Gedichte sind überwiegend relativ kurz. Ein Stilbruch wäre es bei diesen Gedichten jedoch, sie in einen Leinenschuber zu stecken.

„Blindenschrift“ heißt ein anderer Gedichtband von Enzensberger. Das Titelgedicht mag ich nur metaphorisch lesen. Es wurde erstmals 1964 veröffentlicht und ist deshalb schon veraltet in seinem Bezug auf Lochstreifen. Im Kern ist es noch so gegenwärtig, daß ich die Anfangszeilen hier zitieren möchte.

„Lochstreifen flattern vom Himmel
es schneit Elektronenbraille
aus allen Wolken
fallen digitale Propheten“

Brailles Punktschrift ist tatsächlich einer der modernsten Zeichensätze. Das ewige Problem der deutschen Großschreibung existiert praktisch nicht; die Barrieren zwischen lateinischer, kyrillischer und griechischer Schrift sind sehr niedrig. Die Formung der Zeichen im 6-Punkte-Feld kommt den technischen Schriftsystemen (Morse-Alphabet, digitale Datenspeicherung) näher als irgendeine andere Kulturschrift.

In der Geschichte der Schriften gibt es eine klare Tendenz zur Vereinfachung, die der praktischen Handhabung zugute kommt, aber zugleich die ästhetischen Räume mehr und mehr verengt. Die Braille-Schrift ist schon völlig frei von Ornamentik und Zierrat.

Zusammenfassend bleibt zu sagen: In der Punktschriftübertragung reduziert sich das leibliche Dasein des Buches auf die bloße Funktion, materieller Träger des Textes zu sein. Die äußeren Gestaltungsmöglichkeiten sind beschränkt; ästhetische Reize kommen kaum zur Wirkung. Wir stehen dem Text unmittelbar gegenüber; positiv gesagt: Der Zugang des Lesers zur Botschaft des Autors ist unverstellt von Žußerlichkeiten.

Punktschrift wird taktil wahrgenommen. Zeichen für Zeichen, Feld um Feld gleiten die Finger durch die Zeilen. Die Tastschrift ist an die Besonderheiten der taktilen Wahrnehmung gebunden. Sie ist notwendig standardisiert in Größe sowie in den Abständen zwischen den Punkten, Zeichen und Zeilen. Die Haltbarkeit der Schrift erfordert eine bestimmte Festigkeit des Druckmaterials, bei Papier eine bestimmte Stärke. Das macht die Punktschriftbücher zu recht behäbigen Vehikeln des Textes. Schon ein Text von 150 Schwarzdruckseiten sprengt einen Punktschriftband. Die meisten Punktschriftbücher sind mehrbändig.

Von Zeit zu Zeit sollten unsere Verlage die Autoren durch Zusendung einer Braille-Ausgabe ihrer Werke beeindrucken. Vielleicht rangiert die Punktschriftausgabe dann neben einer chinesischen oder arabischen Übersetzung in der Abteilung Exotisches. Exotisch sind die Punktschriftbücher ja für die Mehrheit derer, die mit Augen lesen. Unsere Stellung als schriftkulturelle Minderheit erhöht ja die ökonomischen Schwierigkeiten. Warum sollten wir also nicht versuchen, gut verdienende, sensible Sprecher dieser Mehrheit auf so direkte Weise anzusprechen, um sie als Partner einer Öffentlichkeitsarbeit zu gewinnen, die dem Punktschriftbuch hilft, zu überleben?

2. Das Punktschriftbuch und meine anderen Möglichkeiten

Der Trend besagt: Hörbücher drängen die Punktschrift an den Rand. Das Hörbuch kann einfacher und kostengünstiger hergestellt werden. Es ist auch bequemer für den Nutzer.

Das gesprochene, das vorgelesene Wort dringt schneller zu uns und leichter in uns als das Braille-Gedruckte. Es macht auch schon einen Unterschied, ob ich drei handliche Kartons Kassetten oder 17 Kisten Punktschrift zur Post tragen muß.

Es gibt also Gründe genug, das Hörbuch zu favorisieren. Der Punktschriftleser muß sich physisch bewegen. Der Hörer hat seine Hände frei. Mit einem Miniaturrekorder kann ich mir den Luxus leisten, mir auf Schritt und Tritt ins Ohr lesen zu lassen: auf Bahnfahrten, bei der Küchenarbeit, beim Rasieren, Baden usw. Kulturkritiker haben zwar ernsthafte Einwände gegen diese Gleichzeitigkeit intensiver Beschäftigungen, aber es kann auch auf gute Traditionen der Kombination von Hand- und Kopfarbeit verwiesen werden. So hatte die älteste deutsche Gewerkschaft, der Verband der Zigarrenmacher, vor mehr als hundert Jahren die Forderung durchgesetzt, daß die Unternehmer auf fünfzehn Zigarrenmacher einen Vorleser beschäftigen mußten. So gehörten die Zigarrenmacher zu den gebildetsten unter Deutschlands Proletariern.

Bildung ganz nebenbei. Gut, aber: Zum einen Ohr herein – zum anderen wieder hinaus! Wie steht es damit? – Ja, der vorgelesene Text kann leicht durch mich hindurch gehen, aber wenn der Punktschriftsyntesizer und -übersetzer in meinem Kopf nicht konzentriert arbeitet, rinnen mir auch die Braillezeichen wie Sand unter den Fingern dahin.

Ich bin ein taktiler Typ. Doch ich nehme an, daß es nicht nur an der individuellen Veranlagung liegt, daß ich beispielsweise bei der Arbeit mit dem „sprechenden Taschenrechner“ die Zahlen aufschreiben muß, um sie tatsächlich zu erfassen. Auch wenn ich Textpassagen aus dem Hörbuch bewahren will, muß ich sie von der Kassette abschreiben. Bei späterem Nachlesen der Exzerpte bin ich immer wieder erstaunt, wie gründlich ich den Rest vergessen habe.

Auge und Ohr sind Fernsinne. Die Sensoren unserer Haut gehören zu den Nahsinnen. Bei unserer Selbstvergewisserung in der Welt sind die Nahsinne gegenüber den Fernsinnen primär. Ob die Eindrücke, die uns Auge, Ohr und Nase vermelden, einen gegenständlichen Bezug haben oder nicht etwa doch Sinnestäuschungen sind, wissen wir nur, weil wir irgendwann (überwiegend schon als Kleinkind) die Erfahrung gemacht haben, daß sie sich auch fassen, fühlen und schmecken lassen. Es entspricht ja einem ganz natürlichen Lernreflex, wenn Kleinkinder alles in den Mund stecken wollen.

Die taktilen Schriftzeichen sind nicht weniger abstrakt wie die optischen. Beide müssen denkend zur Sprache syntetisiert werden. Diese Mühe bleibt beim Hörbuch erspart. Andererseits ist es lesend leichter, das Tempo der Informationsaufnahme dem Tempo der eigenen Gedankenarbeit fließend anzupassen. Wesentlicher aber noch dürfte sein, daß die größere Mühe auch tiefere Spuren hinterläßt.

Die Mühe begegnet uns lateinisch wieder im Wort Studieren. Beim Studieren müssen wir Sehgeschädigten alles tun, um in einer visualisierten Welt durch volle Ausschöpfung aller Möglichkeiten unserer „Restsinne“ zu bestehen. Der Erfahrungsaustausch über persönliche Strategien im Umgang mit den anfallenden Informationsfluten wird niemals überflüssig sein.

Mein Universitätsstudium habe ich in der alten DDR absolviert. Was uns Sehgeschädigte unter der Glasglocke der Abgrenzung so erfolgreich sein ließ, daß viele von uns auch nach dem Hochschulstudium im akademischen Betrieb bestehen konnten, wird zum Problem, sobald der scharfe Wind des freien Wettbewerbs weht. In der DDR wuchsen Akademiker unter recht behüteten, ja vor- und fremdbestimmten Bedingungen heran. Es gab eine 4-5jährige Regelstudienzeit mit Bezug eines festen Grundstipendiums. Die Studenten waren schulähnlich eingeteilt in Seminargruppen, denen aus dem Lehrkörper Seminargruppenberater zugeordnet waren.

Diese Verschulung akademischen Betriebes, die sich heute als Wettbewerbsnachteil rächt, kam unseren Mobilitätsbeschränkungen schon dadurch entgegen, daß es in der Horde, wo darauf geachtet wird, daß möglichst kein Schaf den Anschluß verliert, leichter ist mitzukommen.

Dort, wo ich mich immatrikulieren ließ (an der Sektion Philosophie/wissenschaftlicher Kommunismus der Karl-Marx-Universität Leipzig) war der blinde Student ein Novum. Aufregung bei der Seminargruppenberaterin. Doch nicht so schlimm: In der DDR gab es wohl auch häufiger sehgeschädigte Dozenten und Professoren als in der alten Bundesrepublik. So konnte sich meine Seminargruppenberaterin in spe an Prof. Klemm wenden, um sich von einem Betroffenen beraten zu lassen. Dafür, daß er ihr dringend ans Herz legte, darauf Wert zu legen, daß dieser blinde Student möglichst alles, was er ohne fremde Hilfe bewältigen kann, auch wirklich selbständig tut, bin ich ihm noch heute dankbar. Ich wurde also konsequent auf eine maximale Nutzung der Blindenbibliotheken orientiert, um Vorlesekräfte wirklich nur so weit einzusetzen, wie es nicht zu umgehen war. Ich hatte Glück, im Wohnheim auch genug Platz zu bekommen, um diesem Grundsatz einigermaßen folgen zu können.

Wenn es darum gehen soll, bestimmte Regeln aufzustellen, könnte eine erste lauten: Organisiere dein geistiges Leben so, daß du möglichst viel selbst liest! Lesen gehört zu den Voraussetzungen meiner Tätigkeit als Wissenschaftler und Lehrbeauftragter. Thematisch bewege ich mich in den Grenzregionen zwischen Philosophie und Soziologie. Was die Blindenbibliotheken dafür hergeben, ist äußerst unvollständig, aber ich lasse mich bei meiner thematischen Orientierung trotzdem, soweit es geht von diesen Möglichkeiten bestimmen. Wie das geht, soll kurz am Beispiel belegt werden.

Das philosophische Institut, an dem ich zur Zeit beschäftigt bin, plant mit einer französischen Partnereinrichtung eine Konferenz zum Thema „Europa zwischen Wirklichkeit, Utopie und Mythos“. Als das konzipiert wurde, las ich gerade Ernst Jüngers „Der gordische Knoten“ (übertragen in Marburg).

Dem ersten Eindruck nach hatte ich es hier mit einem gescheiterten Ostlandritter zu tun, der sich über die Idee des europäischen Abendlandes im Westen hoffähig machen wollte. Žhnliche Flucht nach vorn war mir schon in einem anderen Marburger Buch begegnet; in einer Sammlung deutscher Feldpostbriefe aus dem zweiten Weltkrieg. Ich gehe dieser Sache jetzt weiter nach, wobei ich aus der Emil-Krückmann-Bücherei zwei Jünger-Biographien und die wichtigsten Werke des umstrittenen Schriftstellers beziehen kann. Sehr weit komme ich damit nicht, aber auf das Wenige möchte ich keinesfalls verzichten.

Der Punktschriftfonds ist noch beschränkter als die Zahl der verfügbaren Hörbücher. über Aufsprechdienste ist es auch relativ schnell möglich, benötigte Titel zu beziehen. An Gewicht wird die Nutzung von Literatur gewinnen, die auf Diskette eingelesen ist oder über Datenbanken genutzt werden kann. Aber ebenso wenig, wie uns die rollenden Fortbewegungsmittel der Neuzeit dazu bringen konnten, das Laufen ganz aufzugeben, gehört für mich das selbständige Lesen von Büchern zum unverzichtbaren Unterbau der geistigen Kultur und zu den probatesten Mitteln, geistige Fittness zu bewahren.

Bei moderner Prosa läßt sich ein Teil der Botschaften nur schwer hörbar machen, nämlich der Teil, der in der Interpunktion steckt. Mag sein, der Sprecher des Hörbuches gibt den stummen Zeichen angemessenen Ausdruck. Dennoch: er liefert mir seine und nicht meine Interpretation.

Im Hörbuch ist der Text stets durch die Interpretation der Sprecher gebrochen. Um den Text völlig authentisch zu rezipieren, muß ich beim Hören diese subjektive Brechung wieder herausfiltern. Ich kann die Lesung freilich auch als eigenständiges Kunstwerk annehmen. Es gibt in dieser Hinsicht bemerkenswerte Arbeiten. Ich nenne aus dem Leipziger Hörbuchbestand die Produktion „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann, gelesen von Dorothea Garlin.

Auch Gedichte wollen unbedingt selbst gelesen sein, und wenns geht, nicht auf der Braille-Zeile. Der Bau des Gedichtes, das Versmaß und die Satzzeichen versuchen oft zwar auch nur die Färbungen gesprochener Sprache abzubilden, aber es bleibt trotzdem dabei, daß es nur einen authentischen Text, aber keine absolut gültige Interpretation gibt. Plötzlich entfallen im Text sämtliche Satzzeichen. Mir teilt sich lesend eine gehetzte Erregtheit mit. Die kann auch der Sprecher wiedergeben. Aber weiß ich dann noch, wo und inwieweit sie vom Autor kommt? Oder: Bestimmte Versteile sind durch Doppelpunkte verbunden. Welche Absicht steckt dahinter? Ich dringe tiefer in den Text, wenn ich vor seinen Rätseln stehe. Der Rezitator hat sie meist für sich und damit zwangsläufig auch für mich schon gelöst.

Unsere Bibliotheken sollten sich darin treu bleiben, bevorzugt klassische Texte zu übertragen, also solche, an denen auch kommende Generationen absehbar schwer vorbei kommen werden. Bevorzugt sollten auch Texte in die Punktschrift genommen werden, denen die gesprochene Adaption besonders weh tun muß, weil es mehr Lese- als Hörtexte sind. Und Bücher, die blinde Kinder, die nächste Generation der Punktschriftleser in die Freuden des Lesens ziehen, werden nötig bleiben.

Auf das Spannungsfeld zwischen Altem und Neuem sollten wir uns auch bei den Kommunikationsmitteln bewußt einlassen.

Nichts sei so alt, wie die Zeitung von gestern, sagt das geflügelte Wort. Sartre aber soll die Angewohnheit gehabt haben, Zeitungen mit zwei, drei Tagen Verspätung zu lesen. Da hat sich der eitel aufgewirbelte Staub gelegt; da ist der Blick historischer, gerechter, weil eher abgeklärt dreingeschaut wird.

Wir, die wir von den zeitgenössischen Medien umworben sind, immer und überall „live“ dabei zu sein und in der ersten Reihe zu sitzen, wir können sehr viel gewinnen, wenn wir von Zeit zu Zeit auf Distanz zur atemlosen Tageskultur gehen. „Der in den Kampf bedingungslos Verstrickte sieht ja nichts“, heißt es bei Christa Wolf.

Leider sind die Debatten meist schon übern Punkt, wenn Hörbuch und Punktschriftausgabe mich erreichen. Das Buch von Günter Gaus über die Welt der Westdeutschen erhielt ich auf Kassetten mit zweijähriger Verspätung, als sich diese Welt schon so gravierend verändert hatte. Für die ewig heutigen ist das Buch jetzt der Schnee von vorgestern. Aber es hat einen besonderen Reiz, das veraltete Buch gerade jetzt zu lesen (oder zu hören. Kann man Bücher hören?). Das meine ich nicht nur wegen der Irrtümer, die heute tragisch-komisch wirken, wie dieser, daß bei einer damals nur hypothetischen Vereinigung neben dem „schwarzen“ Bayern ein „rotes“ Sachsen deutsche Identität bestimmen würde.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Zukunft des Punktschriftbuches von zwei Dingen bedroht wird: von den Schwierigkeiten, den ökonomischen Aufwand für eine verschwindende Minderheit zu decken, und von unserer Verführbarkeit zur Bequemlichkeit, die von den auditiven Medien bedient wird. Eine Dosis Punktschrift ist gut für die tägliche geistige Hygiene. Freilich: Alles zu seiner Zeit und zu seinem Zweck.

Ausdifferenzierte Strategien, die die verschiedenen Wege der Wahrnehmung sinnvoll kombinieren, können wir uns für individuelle Wahrnehmungsweisen entsprechend unseren geistigen Bedürfnissen gewissermaßen maßschneidern.

3. Abschied vom Leseland

Ich bin in einem Staat aufgewachsen, der ganz anders sein wollte, als andere sind. Irgendwie ist das ja auch gelungen, wenn letztlich auch nur in der Weise des Mißlingens.

„Bei uns sind Bücher eben Lebensmittel“, sagte vor nicht allzu langer Zeit Hermann Kant, der seinerzeitige Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR. Das Protokoll dieses X. Schriftstellerkongreßes kann der historisch interessierte Leser nebst der historisch interessierten Leserin in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) ausleihen. Wenn Sie nicht dabei waren, muß Ihnen vieles erst umständlich verständlich gemacht werden. So auch die Sache mit den Lebensmitteln.

Bücher im Rang von Lebensmitteln – das verweist ebenso auf den hohen Rang der Literatur, wie auch auf das leidige „Versorgungsproblem“. Lebensmittel waren eingeteilt in solche, die für lebensnotwendig befunden wurden und als „Waren des täglichen Bedarfs“ und Grundnahrungsmittel eingestuft wurden, sowie in solche, die als Luxusartikel galten. Die Subventionierung der Waren des täglichen Bedarfs wurden durch die Überpreise der Luxuswaren ausgeglichen. Bücher gehörten insgesamt zu den subventionierten Gütern. Schulbücher und Propagandaschriften waren besonders reichlich und preisgünstig zu haben. Der Überversorgung hier entsprach eine Unterversorgung mit vieler anderer gefragter Literatur.

Die Buchproduktion der DDR war zentral verwaltet. Die Verlage und Bibliotheken unterstanden dem Kulturministerium, die Druckereien meist den im „demokratischen Block“ vereinten Parteien, und der einen ganz besonders. Wie die anderen reichlich 80 Verlage und mehreren tausend Bibliotheken unterstand die DZB dem Kultusministerium der DDR.

Wahrscheinlich werden wir dieses Patronat trotz allem irgendwie doch auch vermissen, schon weil wir uns mit ihm von dem Prinzip verabschieden müssen, wonach die Punktschriftausgabe zum gleichen Preis an die Kunden in der DDR abgegeben wurde wie das wesentlich kostengünstiger hergestellte Original. Der „Große Duden“ mit seinen 18 Punktschriftbänden kostete die gleichen 10,80 Mark der DDR wie die Originalausgabe des Bibliographischen Instituts Leipzig.

Der künstliche Zustand konnte den November 1989 nicht überdauern. Damals hatte Stefan Heyn ausgerufen: „Es ist, als habe jemand das Fenster aufgestoßen!“ Rückblickend könnte das Bild weiterentwickelt werden: Ein scharfer Windstoß hat alle Papiere vom Tisch gefegt. Das veränderte Kulturklima wird im Frankfurter „Börsenblatt“ auf den Satz gebracht: „Leseland billig abzugeben!“ Zu sehen ist eine DDR-Familie in ihrer Wohnnische, eifrig vertieft in dicke Bücher. Aber was da studiert wird, sind deutlich erkennbar Kataloge der einschlägigen westdeutschen Versandhäuser.

Noch wird viel gelesen im gewesenen Leseland. Der Lesestoff hat sich aber schon stark verändert. Ich merke es an mir selbst: Seinerzeit hätte meine Hand gierig gezuckt, wenn auf einem Buchbazar Heyas „Fünf Tage im Juni“ zu haben gewesen wären (wohl, weil es nicht sein konnte). Das war die Zeit, in der noch stimmte, was Günter Kunert in seinem (auch als Marburger Punktschriftausgabe verfügbaren) Buch „Diesseits des Vergessens“ schrieb: „Die Literatur ist der einzige Tummelplatz abweichender Ansichten von der Welt, und der einzige Platz, wo der Leser noch berücksichtigt findet, was ihn wirklich angeht.“

Lesend vollziehen wir Neubundesrepublikaner die geistige Strukturanpassung. Überwiegend geht es um Wissen für den Markt, für den wir lernen müssen, Produkte möglichst vorteilhaft zu erwerben und die eigene Arbeitskraft ebenso günstig zu verkaufen. Juristische Literatur hat hier besondere Bedeutung. Das Spektrum reicht von Verbraucher- und Mieterschutz über Arbeitsförderung und Sozialhilfe bis zu Verwaltungs- und Handelrecht. Wenn sehgeschädigte Juristen aus der ex-DDR jetzt in bestimmtem Maße mit ihren sehenden Kollegen mithalten können, so ist das zu einem guten Teil der Soforthilfe des DVBS und ettlicher seiner Mitglieder zu danken.

Das Leseland blickte gebannt auf das Treiben seiner kritischen Schriftsteller. Aber Leseland ist abgebrannt. Was gegen geistige Mauern anrannte, geht jetzt ins Leere. Heiße Ware verwandelt sich in kalte Asche. Was früher unzugänglich war, besorgt der Buchhändler jetzt umgehend. Aber wozu noch? An die Preise werden sich auch wohl nur Minderheiten gewöhnen.

Die Devise von der kostendeckenden Produktion hat nun auch die DZB Leipzig eingeholt. Selbst wenn ihr Verlag bei entsprechendem Absatz kostendeckend arbeiten könnte, bliebe die Finanzierung der Einzelanfertigungen für die Bibliothek und die Hörbuchproduktion, die bis dato auf erlesene Sprecher vom Schauspielhaus Leipzig bauen konnte, ungedeckt. Selbst bei einer Behandlung als „förderwürdige Einrichtung“ durch Bund und Länder wird es nicht ohne Drosselungen gehen. Immerhin, ein Förderverein ist mittlerweile wenigstens angedacht.

Ihren Bestand bringt die DZB mit ins einig Bücherland. Das sind beträchtliche Kulturwerte, wie uns der gerade erschienene Teil I des Gesamtkatalogs Punktdruck der Bibliothek zeigt. Auf 525 Punktschriftseiten in drei Bänden weist er den Fundus an Belletristik und Kinderliteratur, Lyrik und Dramatik aus.

Verschwindend klein ist der Bestand an Vorkriegsproduktionen. Das ist vor allem dem Luftkriegsinferno geschuldet. Leider gibt der Katalog keine Auskünfte über Verlag und Erscheinungsjahr der übertragenen Bücher. Am dafür nötigen Platz hätte anderweitig gespart werden können, zum Beispiel dort, wo drei Zeilen für die knappen Angaben gebraucht werden:

„Barz, E.:

999, 2

Bde. K.h.“

Eine ganze Zeile im Katalog ist jeweils dem Namen von Verfasser oder Herausgeber vorbehalten. War es bei so viel Großzügigkeit nötig, die Vornamen auf einen Buchstaben zu verkürzen? Ratlos frage ich mich, ob der genannte H. Müller etwa der berühmte Heiner M. sein soll und ob die „Irreführung der Behörden“ von Jurek oder einem anderen Becker stammt. Bei E. und E. Strittmatter muß sich einer schon auskennen, um sich klar zu sein, daß 18 Titel dem Erwin und nur zwei der Eva zuzuordnen sind.

Wo spärliche Information auf Neugier trifft, wird Aktivität die Folge sein. Da steht im Katalog so ein ?. von Arnim mit einem altmodisch reißerischen Titel „Der tolle Invalide von Fort Ratonneau“. Soll das etwa jener Achim sein, der mit den romantischen Brentanos umging? Ich schaue ins Hörbuchverzeichnis des Leipziger Hauses. Da steht nun sehr ausführlich „Ludwig Achim von Arnim“. Dann ist ers vielleicht? – Schlag nach im Sachbuch! Und richtig? Unser A. ist der gesuchte Achim. Wenn ich jedoch von einem Buch nicht mehr erfahre, als daß es „26 Bahnsteige“ heißt und von einem oder einer gewissen B. Neuhaus stammt und 3 Bde. K.h. füllt, stelle ich besser keine weiteren Fragen oder bestelle die mysteriösen Bahnsteige einfach mal.

Gehe ich an den Gesamtkatalog der DZB statistisch heran, offenbaren sich beeindruckende Superlative. In der Zahl der verfügbaren Ausgaben führt in der Belletristik Theodor Storm mit 40, gefolgt von J.W. Goethe mit 29 und Brecht neben Shakespeare mit je 25. Die 14 Feuchtwanger-Ausgaben entsprechen 117 Punktschriftbänden. Vielfach kann der Leser zwischenVoll- und Kurzschriftausgaben, zwischen Handschrift und Zwischenzeilenpunktdruck wählen. Unter den 16 Tucholskys, die ich gezählt habe, befinden sich je viermal „Rheinsberg“ und „Schloß Gripsholm“.

Die respektable Büchersammlung in der Gustav-Adolf-Straße ist in 44, jetzt umstrittenen Jahren gewachsen. Ist da nicht Argwohn am Platz? Muß das Profil nicht zwangsläufig ideologisch verformt sein?

Natürlich spiegeln sich 40 Jahre geistiger Spezifik in den Bücherregalen des betreffenden Landes. Für uns liegt darin die Chance, die Geschichte lernend aufzuarbeiten. Der überwiegende Teil des Leipziger Fundus gehört zum gemeinnützigen Kulturerbe. Hierher rechne ich DDR-Autoren wie Franz Fühmann (16mal in Punktschrift), Jurij Brezan (14mal) und Stefan Heym (10 Ausgaben). Präsent ist das deutschsprachige Erbe von Arnold (14) bis Stefan Zweig (20 Ausgaben), von Heinrich (11) bis Thomas Mann (13 Ausgaben), von Wilhelm Busch (18) bis Hermann Hesse (16), von Gottfried Keller (19) bis Anna Seghers (23 Ausgaben).

Natürlich ist hier Verformung feststellbar. Ein E. Johnson aus Schwerin ist zweimal, aber ein Uwe Johnson ehemals aus Mecklenburg, ist keinmal vorhanden. Das schmerzt nicht mehr. Was fehlt, kann ich in anderen deutschen Bibliotheken suchen. So kann ich damit leben, daß in Leipzig nur einmal Alfred Andersch zu finden ist. Dafür kann ich hier 21 Ausgaben des Dänen Martin Andersen-Nexö ausleihen.

Nennenswert ist die Präsenz der Weltliteratur in der DZB. Amado und Balzac sind je 14mal vertreten, Hemingway und B. Traven je 12mal, Zola 16- und Jack London gar 23mal. Der Punktschriftleser findet hier zahlreiche große amerikanische Belletristen des 20. Jahrhunderts stattlich vertreten. Und möglich sind weite Einblicke in nationale Literaturen von Norwegen und Island bis Australien, von China bis Argentinien. Der Leser kann wandeln zwischen Alt- und Neugriechenland, zwischen seltenen Regionen und Herkunftsländern. Mich hat der Katalog angestoßen, endlich mal persische Märchen zu lesen.

Ein großes Plus der Leipziger Sammlung ist der Bestand an russischen und sowjetischen Autoren. 16mal Tschechow, 10mal Dostojewski, ebenso häufig Aitmatow und immerhin 5mal Bulgakow, um nur einige der Großen zu nennen.

Für die DZB war solide Arbeit stets Markenzeichen und Standard. Dahinter bleibt der genannte Gesamtkatalog leider zurück. Kishon hat sich in der Kinderliteratur versteckt. Ich versuche vergeblich nach Dürrenmatts „Physikern“ und frage mich, wieso die Leipziger die nicht mehr haben sollen, wenn doch ich sogar damit bestückt bin. Mit dem Alphabet gibt es verschiedene Schwierigkeiten. Eine Buchstabenorientierung am unteren Seitenrand würde die Benutzung erleichtern. Sch. und St. wurden teilweise nach Sy. geführt, aber nicht immer.

Erstmalig hat die DZB ein so umfangreiches Verzeichnis der Totalität ihrer Punktschriftschätze vorgelegt, ohne ideologische Tilgungen, wie es scheint. Schon ihrer beachtlichen historischen Verdienste wegen verdient es die ostdeutsche Zentralbücherei für Blinde, auch unter neuen Bedingungen Rang und Namen behaupten zu können. Mir scheint, ein künftiger Förderverein muß sich dafür einsetzen, daß alle fünf neuen Bundesländer in die Pflicht genommen werden durch verbindliche Formulierung eines gemeinsamen Kulturauftrages an die traditionsreiche Stätte der Literatur für Blinde.

Seit mehr als zehn Jahren hat sich die DZB Leipzig für mich auch als Fenster zur BLISTA bewährt. Das ist eine kleine Geschichte, die ein eigenes Schlaglicht auf größere Geschichte wirft. Wie alle Bibliotheken der DDR unterlag die DZB argwöhnischen Bestimmungen über den Umgang mit Literatur aus westlichem Ausland. Wer mit solcher Literatur umgehen wollte, auch wenn sie nicht gesondert freigegeben war, benötigte dafür einen „Nachweis über den wissenschaftlichen Verwendungszweck“, im einschlägigen Volksmund auch Giftschein genannt. Einen solchen Schein für die DZB hat mir mein Chef unbesehen unterschrieben und gestempelt. Damit hatte ich eine Blankovollmacht für die Fernleihe. So streng war die Aufsicht über die Blindenbibliothek wohl doch nun auch wieder nicht. Da war ein Loch im Zaun.

Der Zugang zu den Marburger Bibliotheken via Leipzig hat mir schon frühzeitig geholfen, ein Stück kritischen Abstand zur eigenen Provinz zu gewinnen. Als nach dem Fall der Mauer viele DDR-Kollegen die Lektüre von Wolfgang Leonhards „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ als schockierende Offenbarung erlebten, hatte ich das schon zehn Jahre lang hinter mir. Es ist eine der besonderen Absurditäten unserer Lage, daß ich als Blinder unter den Bedingungen organisierter geistiger Blindheit einen bestimmten Informationsvorsprung, eine Art Narrenfreiheit haben konnte. Der

kleine Vorsprung ist nun dahin, und das ist auch gut so.

„Es ist, als habe jemand das Fenster aufgestoßen!“ Im ersten Augenblick stand ich einigermaßen ratlos vor der gesamtdeutschen Vielfalt von Aufsprechdiensten, Kassettenzeitschriften, Nord-, Süd- und Westdeutschen Blindenbüchereien, Privatinitiativen und Selbsthilfegruppen. Mitunter ernüchtert dann die Überdosis.

Jetzt steht vielleicht auch noch die elektronische Tageszeitung ins Haus. Datenbanken werden sich öffnen. Werde ich dann noch immer das gute alte Punktschriftbuch in die Hand nehmen?

Der Kreis hat sich geschlossen. Wir sind wieder am Anfang.

Zwischen meinen Jahren

Diese Überlegungen sind vielleicht so etwas wie eine Selbstrechtfertigung dafür, dass ich mich in diesen arbeitsreichen, bewegten, global gesehen Wendezeiten intensiv mit Glockenspielen holländischer Bauart befasst habe. Zu den vielen starken Gedanken, die ich in mich gesaugt habe, gehört ja auch das Brechtsche Gedicht „An die Nachgeborenen“ mit dieser bohrenden Gewissensfrage:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Aber wenn wir uns dieses Gespräch nehmen lassen, haben wir da nicht unsere Welt, unsere Kultur, unsere Zivilisation preisgegeben? Meine Antwort ist die Bejahung des Lebens. Und ich hoffe, dass es aufmerksam Hörenden nicht entgeht, dass mein „Gespräch“ über Glockenspiele das Wissen über Krieg und Vernichtung, über Bereicherung und Verarmung einschließt.

„Die kleinste Blume hat ja Verwurzelungen im Unendlichen, und unsere Neigung ist es, die sie entdeckt. Das Unscheinbare ist nur Verschleierung.“ („Das Sandurhbuch“, S.7)

Kaum wage ich den Namen des Autoren dieses Zitats zu nennen, denn damit wird der große Gedanke gleich in eine Schublade gepackt, was er nicht verdient hat.

„Das Sanduhrbuch“ von Ernst Jünger gehört zu meinen weltanschaulichen Quelltexten ebenso wie das wissenschaftliche Werk von Karl Marx, „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch und die Romane der Christa Wolf oder die Texte von Kurt Demmler.

Auch die 80er Jahre waren die Dämmerung einer Zeitenwende. Besonders wir hell wachen Zeitgenossen in der DDR waren aufgewühlt, verzweifelt und misstrauten unseren Hoffnungen, was nicht unbegründet war. Aber auch da schon lebte ich in geistiger Freiheit. Bloch, Bahro, Leonhard, Nero und Jünger – sie alle las ich Dank meines Privilegs einer Fernleihegenehmigung für die Bibliothek der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Ich konnte mehr Literatur, die offriziell unerwünscht war, besorgen als meine Freunde, die dieses „Blindenprivileg“ nicht hatten. Und ich machte davon regen Gebrauch (vgl. meinen Aufsatz aus 1991 „Mein schwieriger Umgang mit Punktschriftbüchern„. Darin heißt es:

„Der Zugang zu den Marburger Bibliotheken via Leipzig hat mir schon frühzeitig geholfen, ein Stück kritischen Abstand zur eigenen Provinz zu gewinnen. Als nach dem Fall der Mauer viele DDR-Kollegen die Lektüre von Wolfgang Leonhards „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ als schockierende Offenbarung erlebten, hatte ich das schon zehn Jahre lang hinter mir. Es ist eine der besonderen Absurditäten unserer Lage, daß ich als Blinder unter den Bedingungen organisierter geistiger Blindheit einen bestimmten Informationsvorsprung, eine Art Narrenfreiheit haben konnte.“

Zuhause und fremd zugleich zu sein, ist eine meiner Grundbefindlichkeiten. Mich in einer Welt einzurichten, die mir durch tiefere Durchschauung suspekt ist, ist der Zwiespalt, den ich lebe. Bist du physisch in deiner Mobilität eingeschränkt, musst du es geistig längst nicht sein. Vielleicht kann die geistige Fliegkraft eines körperlich eingesperrten Menschen sogar eine gesteigerte sein.

Aus dem Jünger-Büchlein habe ich Mitte der achtziger Jahre die Text-Musik-Collage „Sanduhr-Meditationen“ entwickelt. In Studentenclubs und anderen Veranstaltungsorten habe ich das mit zwei Kassetten-Laufwerken live aufgeführt. Eine dieser Aufführungen in Berlin-Mitte fiel in die frühen Oktobertage 1989. Das war schon fast absurd, sich in diesem aufgewühlten Moment der Geschichte mit so abseitig scheinenden Texten zu befassen. Doch das Werk über die Zeit hat was Zeitloses oder Überzeitliches. Die eigene Zeit und ihr Geschehen zu beurteilen, kann wohl nicht gelingen ohne Abstand zu ihr.

„Wer ganz in dieser stolzen Titanenwelt lebt, in ihrem Genusse, ihren Rythmen und und Gefahren, kann Großes in ihr erreichen, aber er kann sie nicht beurteilen. Es wird ihm im besten Falle wie Napoleon gehen, der eine Welt erobern konnte und doch so blind hinsichtlich seiner eigenen Person und Lage war …
Je mehr man in seiner Zeit ist und in ihr lebt, desto mehr unterliegt man ihrem Vorurteil.“ (ebenda S. 14)

Ich stellte mit meinem Freund und Tontechniker Wolfgang Schnee in Greifswald i. J. 2000 eine Studiofassung her, die ich hier gern zum Download anempfehle.

In Kiel habe ich die „Sandurh-Meditationen“ am 23.03.2004 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kulturrausch“ am 23.03.2004 als Dunkellesung aufgeführt, wozu es einen Reader gab.

Mit Klang und Text im Kontext soll es weiter gehen. Und ich bin glücklich, dass ich 2025 das wachsende Gefühl empfand, die Sache mit der Glocken-Klangreise muss ich machen. Und nun liegt sie vor, kann hier nachverfolgt werden!

Meine Glocken-Klangreise – Radioproduktion für den Ohrfunk

Vorbemerkung

Meine Radiojahre sind eigentlich schon lange vorbei. Etwas ziemlich Anderes füllt mein Altersrentner-Dasein: der ehrenamtliche Vollzeitjob für einen landesweiten Verein, der in bewegten Zeiten seine Rolle finden muss als Selbsthilfe, Selbstvertretung, Berater und Helfer rund um Sehschädigung und Blindheit. Ich trauere der radioaktiven Zeit nicht nach. Doch dann kam jener Trigger-Moment, von dem die Sendung genauso erzählt wie von meiner Lust an der Klangdimension unserer Welt. Ich habe mich auf eine Lern- und Entdeckungstour begeben auch in der Handhabung technischer Möglichkeiten einer Audioproduktion, die ich selbständig bedienen kann. An Zeilen wachsen – das treibt mich an.

Sendungen mit einer Dauer von 2 Stunden sind aus dem Sendealltag des Rundfunks praktisch verschwunden. Durch das Podcasting wurden sie wieder möglich und – zum Erstaunen vieler Programmverantwortlicher – wieder anziehend. Klar, in den Mediatheken und auf den Portalen können die Hörer „zeitsouverän“ hören, was beim „linearen“ Rundfunk ja nicht geht.

Einen kleinen Internetsender und seine Macher kenne ich gut. Wir schätzen und vertrauen uns. Daher sicherten sie mir den wunderbaren Sendeplatz zwischen den Jahren bereits zu, als mein Projekt noch im Stadium des Skizzenhaften war. Ich habe geliefert. Es wurde gesendet.

Hier möchte ich aber selbst dafür sorgen, dass dieses bislang umfangreichste eigene Werk nachhaltig verfügbar bleibt. Im folgenden stelle ich es abschnittsweiseweise und kommentiert online. Wer es in Gänze hören mag, kann es hier herunterladen!

Kapitel 1 der Klangreise: Der Trigger und mein Lebenslauf

Die Einspiele dieses Teils sind

  • Auszug aus „Tubular Bells“ von Mike Oldfield, Achtung: das ist aus der Stereo-Edition
  • Eigene Aufnahme des Dromedaris-Carillons in Enkhuizen (mit OKM-in-ear-Mikrofonen und einen Olympus-Diktirgerät)
  • Glockenspiel des mobilen Carillons von Olaf sandkuhl in 3 Einspielungen: Boltenhagen im April 2005,
  • Aufnahme von R. Walter am 26.06.2005 und
  • Mitschnitt aus dem Kieler Ratsdienergarten vom01.07.2006

Manchmal löst ein Klang eine Lawine an Erinnerungen aus. So ein Auslöser war bei mir das Carillon im Dromedaristurm von Enkhuizen.

Als wir vom Hafen kommend in die alte Stadt traten, hörte ich den Klang dieses „leichten“ Glockenspiels und wurde Neugierig. Als ich mich informierte, stieß ich auf den Namen eines Wegbereiters der bronzenen Glockenspiele: den blind geborenen Jacob van Eyck. Da ging im Kopf die Schublade „Carillons in meinem Leben“ auf. Davon erzählt dieses Eingangskapitel der Sendung.

Der unsichtbare Ruhm des blinden van Eick. Klangspurensuche von Jürgen Trinkus. Teil 1: Einstieg

Kapitel 2 der Klangreise: Glockenkunde

/Eingespielt werden hier

Glocken waren ein Massenmedium. Sie gaben den Menschen im Umkreis Alarm und diverse Botschaften, die nicht überhört werden sollten. Sie gaben den Dingen des Lebens auch ihr Zeitmaß. Vor allem auf den Türmen der Kirchen waren sie positioniert und bildeten Klanglandschaften.

Die Topographie der Glocken – mit ihr haben sich schon viele auseinandergesetzt. Dazu greife ich hier auf die Arbeiten von Siegfried Saerberg zurück.

Jede Viertelstunde erklingt vom Kieler Rathausturm das 1911 eingebaute Glockenspiel. Daran kann ich in der Sendung sehr gut die Anwendung der Bruchrechnung auf das Zeitmaß erklären, womit die Schleswig-Holsteiner sich ja oft schwer tun. Ich hätte es etwas gründlicher erklären müssen, was ich hier im Kommentar nachholen will.

Die Melodie besteht auf vier Teilen, wozu es auch vier Zeilen eines Spottverses gibt. „Kiel hat kein Geld. Das weiß die Welt. Ob’s noch was kricht. Das weiß man nicht.“ Zur ersten Viertelstunde erklingt die erste Phase, zur halben Stunde die ersten beiden, zu Dreiviertel drei und zur vollen Stunde alle vier Melodieteile komplett, gefolgt von Stundenschlag.

In der Sendung wird erwähnt, dass dieses Glockenspiel auch eine Rolle spielt, in der „Kieler Hör(ver)führung„, die ich mit Karl Elbl entwickelt habe. Und ich erlaube mir hier auch den Werbeblock: Diese Führung, die die Ohren schärft für unsere Umgebung, kann noch gebucht werden bei Kiel Marketing.

Die ehedem üppigen Glockenlandschaften wurden für die zwei Weltkriege dezimiert, denn man brauchte viel Bronze. Sie mahnen aber noch immer. Dafür steht hier das Dresdener Glockenrequiem von Johannes Wallmann, aber auch der Turm, der nach der Zerstörung der Kieler Klosterkirche übrig blieb. Auf ihn kehrte die 1928 gegossene Läuteglocke zurück, die sich wunderbarerweise als Überlebende auf dem Hamburger Glockenfriedhof wieder fand. Sie wurde in das 1999 in den Turm eingebaute Carillon integriert. Dieses Carillon enthält übrigens auch eine Coventry-Glocke. In der Sendung wird erwähnt, dass Kiel wie Dresden in einer Städtepartnerschaft mit Coventry verbunden ist.

Abschnitt 2 der Sendung: Glockenkunde
Der unsichtbare Ruhm des blinden van Eick. Klangspurensuche von Jürgen Trinkus. Teil 2: Glockenkunde

Kapitel 3: Besuch bei Dr. Markus Zimermann

Einspiele in diesem Teil:

  • Artikel aus „Die Gegenwart“ Heft 4/2004. Serie von Dr. Markus Zimmermann: „Blinde Musikerpersönlichkeiten. Folge: Jacob van Eyck, Niederländischer Blockflötenspieler, Carillonist und Komponist (ca. 1590 bis 26. März 1657)
  • Besorgung eines Tonträgers mit Musik des Jacob van Eyck bei Ruth König Klassik in der Dänischen Straße, Kiel. Aufnahme vom 12.11.2025
  • Stücke aus „Der Fluyten Lust-Hof“, eingespielt von Marion Verbruggen, Label: Harmonia Mundi; Ursprüngliche Veröffentlichung: ca. 2003. Eingespielte Stücke in diesem Kapitel: „Bockxvoetje (Goatsfoot)“ und „DOEN DAPHNE D’OVER“
  • Besuch bei Markus Zimmermann am 11.10.2025 mit Aufnahmen vor und in der Kirche St. Georg in Merch-Buchheim

In diesem Abschnitt der Sendung erfahren wir mehr über Jacob van Eyck. Meine Quelle ist Dr. Markus Zimmermann, den ich auch besuchte.

Kapitel 4: Der Weg zum Carillon führt über die Orgel

Einspiele in diesem Abschnitt:

  • Mit Markus Zimmermann vor der Kirche in Buchheim und in der Kirche, an der Orgel, die er vorführt. Aufnahme mit 2 Ansteck-Funkmikrofonen vom 11.10.2025
  • Interview mit Dr. Felix Friedrich in der Schlosskirche zu Altenburg am 02.08.2025 (Aufnahme mit 2 Funkmikrofonen)
  • Einspiel „Präludium 3“ von Johann Ludwig Krebs, CD „Die Trost-Orgel in der Schlosskirche Altenburg. Felix Friedrich spielt Werke von Johann Sebastian Bach und Johann Ludwig Krebs“ . Kamprad-Verlag Altenburg, label querstand
  • Glockenspiel der „Gläsernen Orgel“ der Marienkirche Rendsburg, eingespielt von der Begleit-CD 15 Hörbeispiele: Wie die Späth-Orgel klingt… zur Festschrift für die Einweihung am 31.10.2025

Als ich im Vorgespräch mit dem Autor Markus Zimmermann davon sprach, dass ich eine Sendung über Carillons machen will, sagte der Orgel-Fachmann, dass es auch ein Orgel-Register Carillon gibt. Das schärfte meinen Antennen. Bei einem Aufenthalt in Altenburg wurden wir aufmerksam auf ein Schlosskirchenkonzert. Ich fragte ich, ob diese Orgel auch ein Carillon habe. Als sich dies bestätigte, ging ich mit dem Vorsatz zu dem Konzert, den Schlosskirchen-Organisten darauf anzusprechen. So lernte ich Dr. Felix Friedrich kennen. Ich konnte ihn interviewen. Leider war es nicht mehr zu arrangieren, mir selbiges demonstrieren zu lassen. Also musste es eine CD tun.

Wie spannend es ist, einer Orgel so nahe zu kommen, wie es sonst nur der Organist sein kann, erlebte ich ja in der Buchheimer Kirche bei Markus Zimmermann.

Kapitel 5: Das Carillon

Höhepunkt der Sendung ist das Treffen mit dem Kieler Carilloneur Dr. Gunther Strothmann in der Turmstube des Kieler Klosters. Das Gespräch zeichneten wir am 11.09.2025 auf, direkt nach dem Gedenkkonzert für die Opfer von Terrorismus. Daraus werden hier folgende Stücke eingespielt:

  • „Verleih uns Frieden gnädiglich“
  • „Freiheit, die ich meine“
  • „Warum“

Kapitel 6: der blinde van Eyck und seine Verdienste

Hier fassen wir zusammen, was zu den bleibenden Leistungen des Jacob van Eyck festzuhalten ist.

Einspiele:

  • Markus Zimmermann zur Frage der Blindheit des van Eyck – aus meinem Interview vom 11.10.2025
  • „Boffons“, aus „Der Fluyten Lust-Hof“, gespielt von Marion Verbruggen
  • Interview mit Andrea Katemann in Freiburg am 11.10.2025
  • „Engels Nachtegaeltje“ (English Nightingale), interpretiert von Marion Verbruggen

Jacob van Eyck sei blind, sagen die Quellen. Das hinterfragen wir mit dem gleichfalls sehbehinderten Musikwissenschaftler Dr. M. Zimmermann.

Van Eyck hatte nicht nur praktisches sondern auch wissenschaftliches Format, war gut unterwegs in seiner Zeit. Eine Schrift für Blinde wurde aber erst 168 Jahre nach seinem Tod entwickelt. Einer wie ich hat es Dank dieser Schrift des Louis Braille erheblich leichter. Ich konnte meine Sendung mit Hilfe dieser Schrift entwickeln und umsetzen. Etwas anderes wäre für mich undenkbar.

Eine blinde Bibliothekarin kommt ja nun auch vor in dieser Sendung. Dass die Bibliotheksleiterin der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg auch eine gelernte Blockflöten-Virtuosin ist, verrieten mir Freunde. Und so nutzte ich unser Zusammentreffen bei der DBSV-Verbandsratstagung in Freiburg für dieses Interview. Andrea Katemann konnte sich nicht so recht erinnern, wie das Stück van Eycks hieß, das sie einst gespielt hat. Wir kamen aber doch noch drauf, dass es die englishcen Nachtigall gewesen sein muss. Klar, dass dieses viruose, an der Natur orientierte Stück in der Sendung zu hören sien musste.

Kapitel 7: Aus- und Nachklang

Es bleibt noch etwas Zeit. Und so schauen wir noch mal vorbei bei Ruth König, die ihr Leben dem Tonträgerhandel verschrieben hat und auch mit 80 Jahren noch nicht aufhören mag damit. Wir kommen noch mal zurück auf den mobilen Rostocker Carilloneur Olaf Sandkuhl und die von ihm auf einem Acker bei Rostock eingespielten weihnachtlichen Melodien. Und ich kann es nicht lassen, das Thema Stadtklang von den Glocken noch zu weiten auf eine Kuriosität, die sich alle Jahre wieder in Kiel zuträgt, wenn die 4 Posaunisten des Philharmonischen Orchesters am Silvesterabend Weihnachtslieder blasen, begleitet von Böller-Geräuschen.

Im Abspann erklingt ein weiterer Ausschnitt aus dem Stereomix der „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Und als „Rausschmeißer“ gibt es noch „The Balck Plague“ von Eric Burdon – eine ebenso mystische wie gleichnishaft aktuelle Ballade.

Technische Nachbemerkungen

Ich habe sehr viel gelernt während der 6 Monate Arbeit an dieser Sendung. Die Bestandteile der Produktion sind technisch mehr oder minder gut gelungen. Ich habe mit Recordern und Mikrofonen herumprobiert und einiges Lehrgeld bezahlt. Auch wenn die Ergebnisse den höchsten Ansprüchen nicht genügen, sind sie doch wertvolle Momentaufnahmen, die ich nicht unter den Tisch fallen lassen mochte. Ja, ich habe das alles allein aufgenommen und abgemischt, was geschulten Ohren nicht verborgen bleiben kann.

Das in Buchheim die 3dAudio Binaural-Mikrofone nicht mitspielten und die Aufnahmen nur mit zwei Funkmikrofonen entstanden, die wir uns anklippten, war glücklicherweise zu verschmerzen.Das Ergebnis war weit brauchbarer als zu befürchten war.

Die Aufnahmen am Kieler Glockenspieltisch werden durch unerklärliche Nebengeräusche beeinträchtigt. Sei es drum.

Ruth König war zum Zeitpunkt der Aufnahme schwer erkältet. Und auch Oft hatte die Mikrofontechnik nicht so funktioniert, wie ich beabsichtigt hatte.

Auch in der Schnitttechnik meiner Sprachaufnahmen ist leider ein wenig Unruhe entstanden durch mitunter zu enge Schnitte. Das hörte ich so richtig erst als alles fertig war.

Auch am Manuskript könnten weitere Verbesserungen gut möglich sein.

Aber ich bin froh, dass ich die Zeit für so eine umfassende Arbeit überhaupt erübrigen konnte. Und ich habe eben viel gelernt fürs weitere Leben. Insbesondere habe ich Audacity kennengelernt als gut bedienbare Software für Mehrspur-Produktionen.

Dank!

Allen sei hier summarisch gedankt, die mich begleiteten, unterstützten, berieten und sich befragen ließen, und allen, die mir dafür den Rücken frei hielten.

Meine Glockenreise zu mir selbst

2025 war ein ergebnisreiches Jahr für mich. Es endet mit guter Bilanz im ehrenamtlichen Vollzeitjob; und – Dank eines gut geführten Teams des Vereins – fand ich die Muße zu meiner bislang umfangreichsten, gründlichst gewachsenen Audio-Produktion. die zweistündige Sendung kommt zur Ausstrahlung am 28.12.2025 um 16:00 Uhr mit Wiederholung am 29.12.2025 um 14:00 Uhr. Einen besser geeigneten Sender als Ohrfunk.de kann ich mir nicht denken. Danke den Ohrfunkern für das Vertrauen, denn ich habe bisher nicht für den kleinen, bemerkenswerten Internetsender gearbeitet. Und auch der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können für so ein großes Zuhör-Angebot als diese magische Zeit zwischen den Jahren, wo die parabelartige Verlaufskurve der Betriebsamkeit der meisten Menschen gewissermaßen auf dem Ruhepunkt ankommt.

Worum es geht

Während einer Urlaubsreise kam in Enkuizen ein Glockenklang in mein Ohr, der eine Lawine an Erinnerungen und Recherchen auslöste. Ich wurde aufmerksam auf die Lebensleistung eines blinden Niederländers im 17. Jahrhundert, dessen Ruhm nicht sichtbar aber doch unüberhörbar fortlebt in unserer Welt. Was bei den Glockenspielern unspektakuläres Grundwissen ist, wurde mir offenbar im reinen Klang eines sehr alten Carillons, in dessen Geschichte dieser Jacob van Eyck eine Schlüsselrolle spielte. dieser blind geborene Mann prägte den Klang eines damals aufkommenden Musikinstruments, des Carillons, mit dem zunächst die flämischen und niederländischen Stadtbürger ihre urbanen Räume beschallen konnten, weil sie durch die theoretische und praktische Fähigkeit dieses Ohrenmenschen stimmbar wurden. Alle bronzenen Glockenspiele haben die von seiner idealen Teiltonreihe geprägten melancholischen Klang.

fröhlicher ist seine Hinterlassenschaft „Der Fluyten Lusthof“, die größte Sammlung an Solostücken für die Blockflöte. Die ist auch ein Hort der Virtuosität der Teiltönigkeit. Und auch dazu fand ich Menschen, die das weiter leben machen.

Und plötzlich war auch präsent, dass die Glocken in meinem Leben eine sehr bemerkenswerte Rolle spielten und spielen.

Ich machte also Reisen in Raum und Zeit. Was ich dabei zutage förderte, bestätigt mal wieder den weisen Satz aus dem „Sanduhrbuch“ von Ernst Jünger:

„Die kleinste Blume hat ja Verwurzelungen im Unendlichen. Und unsere Neigung ist es, die sie enthüllt.“

Und nun würde ich mich über viele offene Ohren an neugierigen Köpfen freuen!

Ein Engel in meinem Radio-Leben

Ich durfte Teil einer Radio-Geschichte sein und sie ein klein wenig mitgestalten. Eine Perle, die dabei entstand, hüte ich als Sendemitschnitt, den ich hier nun auch veröffentlichen möchte. NDR1 Radio MV hatte eine Sendereihe „Klönkasten“. Sie lief Sonntags um 19:05 bis 20:00 Uhr. Eine Stunde für spezielle Themen. Bedingung: es musste einen mindestens hälftigen Musikanteil nach den Formatvorgaben des Senders geben.
Diese meine Sendung über ein Dienstmädchen aus Vorpommern, das zur Engländerin wurde, gab den Anstoß für eine kleine Reihe, die ich mit Lebensgeschichten füllen durfte – Serientitel: „Aufgebrochen in Pommern“.

Zur Vorgeschichte

1993 pendelte ich zwischen Greifswald, wo ich wohnte, und Saarbrücken, wo ich zum Wissenschaftlichen Dokumentar volontierte. Als ich bei einer Heimfahrt in Berlin-Lichtenberg den Zug nach Greifswald bestieg, war da auch eine Frau, die nicht nur wie ein Engel sprach sondern auch wie ein solcher nicht so recht wusste, ob sie in dieser Bahn richtig war. Sie hatte einen leicht britischen Akzent mit vorpommerschem Slang – irgendwie auch aus der Zeit gefallen. Wir kamen jedenfalls ins Gespräch. Ich erfuhr, dass sie in England wohnt, nun aber in der Nähe von Pasewalk Familie besuchen wollte.
Was ich sonst noch zu hören bekam, machte, dass ich diese Frau unbedingt wiedersehen und mit ihr eine Sendung machen wollte.
Die Sendung kam zustande. Und es entstand eine langjährige Freundschaft, die sich irgendwie verlor, weil Hilda ohne Spuren aus dieser Welt gehen wollte. Ihre Spur verlor sich in einer Seniorenresidenz in Cester. Meine Sendung aber macht Hilda Povy unvergessen.
Der NDR hatte mir 1994 die Chance gegeben, im Rahmen des Projektes „Erinnern für die Zukunft“ auch eigene Beiträge und Sendungen einzubringen. Und hier ist das schöne Stück mit meinem Engel Hilda, produziert mit meinem Freund Wolfgang Schnee im Studio Greifswald 1996..

Jürgen Trinkus im Gespräch mit Hilda Povy über ihren Lebensweg aus dem vorpommerschen Rammin ins englishce Cester.

Die Entdeckung des reinen Klangs der Glocken

Als wir am 14.04.2025 durch Enkhoizen liefen, erregte ein besonders schön klingendes Carillon meine Aufmerksamkeit, das Glockenspiel im Dromidaristurm. Ich musste es in einer Tonaufnahme festhalten.
Die weitere Recherche führte zu einem blinden musikalischen Genie, ohne dessen Zusammenwirken mit den Glockengießern Hemony überhaupt erst die Grundlagen geschaffen wurden für harmonisch abgestimmte Glockenspiele. Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Obwohl van Eyck zu seiner Zeit selbst nicht einer Schriftsprache mächtig sein konnte ( die Brailleschrift entstand erst 200 jahre nach ihm) – schuf er die Theorie der idealen Teiltonfolge und hinterließ ein kompositorisches Werk, seinen „Fluyten Lust-Hof“.
Jacob van Eyck (ca. 1590–1657) war es gegeben, durch sein feines Gehör die Obertonstrukturen zu analysieren und zu korrigieren. Mit ihm entwickelten die Gebrüder François und Hemony eine besondere Drehbank, mit deren Hilfe den Glocken gewissermaßen der klangliche Feinschliff gegeben werden konnte.
Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Und da sage mal jemand, dass Reisen nicht bildet! Und Anstöße gibt es. Das Stichwort #Carillon löste in mir einen Strom von Erinnerungen aus. Und die Idee zu einer Sendung über die Klangspurensuche dazu, entstand mit diesen Glockentönen in Enkhuizen.

Als wir am 14.04.2025 durch Enkhoizen liefen, erregte ein besonders schön klingendes Carillon meine Aufmerksamkeit, das Glockenspiel im Dromidaristurm. Ich musste es in einer Tonaufnahme festhalten.
Die weitere Recherche führte zu einem blinden musikalischen Genie, ohne dessen Zusammenwirken mit den Glockengießern Hemony überhaupt erst die Grundlagen geschaffen wurden für harmonisch abgestimmte Glockenspiele. Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Obwohl van Eyck zu seiner Zeit selbst nicht einer Schriftsprache mächtig sein konnte ( die Brailleschrift entstand erst 200 jahre nach ihm) – schuf er die Theorie der idealen Teiltonfolge und hinterließ ein kompositorisches Werk, seinen „Fluyten Lust-Hof“.
Jacob van Eyck (ca. 1590–1657) war es gegeben, durch sein feines Gehör die Obertonstrukturen zu analysieren und zu korrigieren. Mit ihm entwickelten die Gebrüder François und Hemony eine besondere Drehbank, mit deren Hilfe den Glocken gewissermaßen der klangliche Feinschliff gegeben werden konnte.
Das Glockenspiel im Dromidaristurm von Enkhoizen schuf Pieter Hemony wohl 1677. Es wurde neuzeitlich restauriert und vervollkommnet. Aber die Technologie des harmonischen Stimmens beruht auf der Pionierleistung des genialen Künstlers mit dem hoch gebildeten Gehör.
Obwohl van Eyck zu seiner Zeit selbst nicht einer Schriftsprache mächtig sein konnte (die #Brailleschrift entstand erst 200 jahre nach ihm), schuf er diee Theorie der idealen Teiltonfolge und hinterließ ein kompositorisches Werk, seinen „Fluyten Lust-Hof“.
Und da sage mal jemand, dass Reisen nicht bildet! Und Anstöße gibt es. Das Stichwort #Carillon löste in mir einen Strom von Erinnerungen aus. Und die Idee zu einer Sendung über die Klangspurensuche dazu, entstand mit diesen Glockentönen in Enkhuizen.

Erlauscht mit dem Öhrchen: Ostermorgen Naturerwachen vorm Balkon

Wer mag, kann sich mal 17 Minuten Zeit nehmen für ein Hörbild, das ich gerade fertig geschnitten habe. Festgehalten ist das Erwachen einer Stadt-Natur-Landschaft am Ostermontagmorgen. Die Aufnahme stammt also vom 10. April 2023 und ist entstanden von meinem Balkon aus mitten in Kiel. Das verwendete Mikrofon 3Daudio ist ein Gerät, das sie beim MDR mal „Öhrchen“ getauft haben. Es funktioniert so wie ein Kunstkopf.

Die Spezialität meines Aufnahmeortes: Die umstehenden Häuser schaffen einen eigenen Resonanzraum, der die Stimmen der diversen Vögel verstärkt und reflektiert. Ich habe die herausragenden Momente aus 4 aufgezeichneten Stunden auf 17 Minuten gerafft.

Sonnenaufgang war an diesem Tag um 06:30 Uhr. Der erste Vogel begann 03:46 Uhr zu rufen. Die Möwen patroullierten zum ersten Mal um 05:07 Uhr. Eine Stunde vor Sonnenaufgang wird es bereits sehr vielstimmig. Amseln, Meisen, Möwen, Tauben, Krähen, Gänse, Zaunkönig und diverse Singvögel, die ich mal meine geneigten Hörfreunde bitten möchte, zu identifizieren und mir die Entdeckungen als Kommentar oder Nachricht mitzuteilen. Ich hab’s nicht so mit den Vogelstimmen, lerne aber gern dazu.Nun also bitte die Kopfhörer aufgesetzt für die innere Hörbühne, auf der diverse tierische Protagonisten nach- und miteinander ihre Auftritte absolvieren.

Urban/Nature Soundscape recorded by Juergen Trinkus, Kiel, 10.04.2023

Warum ich, Jürgen Trinkus, nicht gendere

Sowohl in der gesellschaftlichen Wirklichkeit als auch in der Sprache gibt es Ungleichgewichte. Sowohl die gelebte Realität als auch die lebendige Sprache verändern sich – hoffentlich in Richtung auf mehr Gerechtigkeit, mehr Partizipation, Diversität, Integration und Inklusion. Sensibilität und Achtsamkeit sind dabei katalysatorisch wirkende Werte.

Wenn es um Sachinhalte geht, spielt das tatsächliche oder gefühlte Geschlecht keine inhärente Rolle. Hier eine Geschlechtsdimension hinein zu tragen, ist eine sachfremde Ideologisierung.

Die handstreichartige Sprachnormierung durch gendergerechte Außerkraftsetzung der gewachsenen Grammatik und Orthographie hat uns ein abgehobenes, nicht sachgerechtes Polarisierungspotenzial beschert. Der Versuch, Geschlechter-Diversität in der Sprache auszudrücken, tut vordergründig genau das Gegenteil von dem, was wohl beabsichtigt ist: sexuelle Befindlichkeit wird zentriert. Statt das gefühlte Geschlecht zur Privatsache zu machen, wird es per Sprache zur öffentlichen Angelegenheit gemacht.
Statt Versachlichung Emotionalisierung! Statt gelebter Vielfalt sprachliche Uniformierung! Statt Eleganz in Wort und Schrift grammatikalisch-orthographische Entgleisungen.

Ob die Besucher einer Ausstellung männlich, weiblich, trans- oder was auch immer -sexuell sind, interessiert mich nicht. Sie sind konkrete Menschen, die im Plural unter einen Begriff subsummiert werden müssen. Im Singular stellt sich das Problem ja gar nicht. Da ist die Julia eine Vermittlerin und der Julius ein Vermittler. Im Plural wird das Geschlecht in der gewachsenen Grammatik eliminiert, in der aufgesetzten Grammatik wird die banale Tatsache, dass wir sexuell divers sind, auf eine sperrige Weise ausgestellt.

Die meisten Museumsmitarbeiter, besonders im Vermittlungsbereich sind weiblich. Das ändert sich nicht dadurch, dass ich sie Mitarbeiterinnen nenne; ebenso wenig wird die aktuell noch feststellbare jedoch im Wandel begriffene Tatsache sprachlich zum Verschwinden gebracht, dass auf der oberen Leitungsebene, der „Chefinnen“-Ebene noch die Männer dominieren.

Wer glaubt denn ernsthaft, dass „Experten in eigener Sache“ männlich gedacht werden, wenn ich nicht den Wurmfortsatz „*innen“ anhänge?

Ich bedauere, dass das grammatikalische Geschlecht in der deutschen Sprache uns so viele Schwierigkeiten macht. Ich glaube nicht, dass sich das durch die Erfindung des diversen Geschlechts, durch die brachiale und scheinbare Gendergerechtigkeit in derSprache überwinden lässt. Vielleicht wird es uns irgendwann unangenehm aufstoßen, dass „das Kind“ sprachlich als Neutrum daher kommt. Im sächlichen Wort Kind eine Diskriminierung zu sehen, könnte Leuten einfallen, die als Beauftragte für Diversifizierung, Sensibilisierung, Integration und was weiß ich noch angestellt und bezahlt werden. Sie benötigen ideologische Baustellen für die Rechtfertigung ihrer Daseinsberechtigung. Dass diese Leute an Hochschulen, in Institutionen bezahlt werden und ihre Daseinsberechtigung manifestieren können, ist für mich Ausdruck unseres ökonomischen Reichtums unserer Luxuskultur.

Der soziale Wandel ist im Gange. Er verändert auch die Sprache. Sprache ist Überbau und Ausdrucksform der Verhältnisse. An ihr muss nicht gezerrt und geschraubt werden. Daher habe ich aus einem Beitrag, den ich schrieb und mit Sternchen-Anhängseln zugepflastert hatte, diese deklarative Redundanz nun wieder entfernt und fühle mich befreit dadurch.

Schweden hören im Sommer

Diese Klangreise entstand im Sommer 1997.

Vorgeschichte und Hintergrund

In das Ferienhaus im schwedischen Halland hatte ich die OKM-Ohrmikrofone und einen DAT-Recorder mitgenommen. Und im Kopf trug ich eine Passage aus dem Buch von John Hull: „Im Dunkeln sehen“:

„Regen hat die Eigenart, die Umrisse aller Dinge hervorzuheben (…) wo vorher eine unterbrochene und damit zersplitterte Welt war, schafft der gleichmäßig fallende Regen eine Kontinuität akustischer Wahrnehmung.“

John M. Hull: Im Dunkeln sehen. Erfahrungen eines Blinden : Verlag C. H. Beck, München 1992, Kapitel „Regen“, S. 46

Wenn es also mal regnete oder gewitterte in diesem Urlaub, war das für mich eine gute Gelegenheit, der Ermunterung des Oxford-Professors zu folgen, der seine Erblindung so produktiv verarbeitet hat. Regen feierte John Hull als eine Schallquelle, die eine Landschaft weiträumig hörbar machen kann.

In einem Supermarkt entdeckte die Familie dann zwei CDs mit dem passenden Titel „Här är den sköna sommar„. Einige der Lieder trafen sehr unser Urlaubslebensgefühl in Schweden.

Ich arbeitete damals noch für den N’DR in Mecklenburg-Vorpommern und hatte eine Idee zu einer Sendung: „Arten den Regen zu hören“. Ein Hörfunkprogramm in einem Urlaubsland könnte die Sonnenanbeter, die jeglichen Regen als Spaßverhinderer empfinden, doch mal anregen, mit den Ohren auf Entdeckungstour zu gehen.

Was ich dann aus den Aufnahmen unseres 1997er Urlaubs machte, war mir eine Art Vorstudie für so eine Sendung. Ich habe das Konzept dann nicht weiter verfolgt. Es hätte vermutlich auch keine Chance in einem Programm, das bei Machern und Hörern eher als Nebenbei- und Begleitmedium denn als Intensivangebot verstanden wird.

Aber die hier veröffentlichte Produktion kann für sich stehen. Sie fand zwar nicht den Weg zu breitem Publikum; doch darum ging und geht es ja nicht.

Die Aufnahmen

Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 30. Juni und 12. Juli 1997 rund um unser Ferienhaus in Hallands län, in Halmstad und auf der Fähre Trelleborg-Rostock. Schnitt und Mischung erfolgten mit einem analogen Mischpult und einem digitalen 4-Spur-Harddisk-recorder DR4 der Firma AKAI bei mir zu Hause in Greifswald. Verwendet wurden Texte von Hermann Hesse aus „Siddhartha“ sowie John M. Hull: „Im Dunkeln sehen“ sowie Liedmaterial von den CDs Här är den sköna sommaren by Evert Taube.

Stadtklang entdecken und festhalten

Es gibt schon Leute, die das mit Leidenschaft betreiben, was unter Begriffen gefasst wird wie Urban Sounds oder Soundscape. Für mich ist ein wichtiger Bezugspunkt die Theorie und Praxis des Züricher Klangkünstlers Andres Bosshard. Siehe dazu mehr weiter unten!

Nur ein einziges mal allerdings erlebte ich selbst, dass dies bis ins Tourismus-Marketing einer Großstadt hineinwirkte. Das war in Hongkong. Dort gibt es zahllose Verkehrsampeln mit akustischen Freigabesignalen, die ungedämpft und um die Wette piepen und tuten. Diese Kakophonie aus Sinustönen bricht sich vielfach in den Häuserschluchten, sodass es schon als akustische Umweltbelastung qualifiziert werden kann. Die Bewohner dieser geschäftstüchtig lärmenden Metropole scheinen das jedoch mit Gelassenheit zu sehen. Als wir mit „Big Bus“ durch Hongkong tingelten und dabei dem Audioguide lauschten, der in 10 Sprachen verfügbar ist, hörte ich, dass es für diese ganz besondere Klangkulisse einen stolzen Namen gibt: „The Sound of Honkong„. Zu ärgerlich, dass ich davon keine Tonaufnahme mitgebrachtr habe.

Festgehalten habe ich – wenn auch mit unzureichender Mikrofonausstattung – ein anderes städtisches Klangereignis in Shanghai. Im dortigen Century Park finden alljährlich Anfang Oktober an drei aufeinander folgenden Tagen gigantische Feuerwerksinszenierungen statt, zu denen Pyrotechniker vieler Länder beitragen. Wir waren am 03.10.2021 zu Besuch in einer Wohnung, deren Balkon direkt auf den Park ging und also eine Art Logenplatz bot für das, was da abging. Der große Park fasste gar nicht alle interessierten Zuschauer. Auf der vorbei führenden vielspurigen Straße stand der Verkehr. Und die Explosionen der Feuerwerksbatterien waren zum Teil so heftig, dass die Alarmanlagen parkender Autos ausgelöst wurden, was von unserem Platz aus gleichfalls zu erleben war. Die vier Ebenen des Feuerwerks und die fünfte Ebene der reagierenden parkenden Fahrzeuge konnte ich mit dem mitgeführten Rekorder, einem einfachen Olympus-Diktiergerät, nicht in gebotener Differenzierung festhalten. Doch nach dieser Vorrede lässt sich vielleicht trotzdem ahnen, was da an Unerhörtem zu hören war.

Es genügt nicht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das auch zu realisieren. Auch die Technik sollte dem Moment gewachsen sein, was hier leider nicht der Fall war.

Ich selbst war neulich auf die Stadtklänge zurück gekommen, als die rhythmischen Arbeitsgeräusche einer ungeliebten Baustellen-Ramme Teile der Stadt Kiel in einen Resonanzraum verwandelten, dem etwas Faszinierendes abzugewinnen war. Da entstand ein akustisches Spiegelkabinett, das mir sehr festhaltenswert erschien. Siehe dazu den entsprechenden Beitrag!

Die Suche nach der Kieler Stadtklang-Ikone

Das Kieler Motiv ist mir schon klar. Nun muss ich es nur noch einfangen.

Drei Glockenspiele tönen durch die Altstadt: Das vom Rathausturm:

Glockenspiel vom Kieler Rathausturm, aufgenommen vor dem Opernhaus, sitzend bei der Skulptur „Bonne fée de maison“ von Tauno Kangro

Das zweite charakteristische Glockenspiel befindet sich am Alten Kloster. Es handelt sich um das Kieler Carillon, hier aufgezeichnet auf dem Klosterplatz.

Mittagsglocke und Carillon des Alten Klosters Kiel, aufgenommen auf dem Klosterplatz am 09.05.2021 um 12 Uhr, hier in einer Verkürzung

Die Dominante der großen Drei ist die Nikolaikirche. Ihr Geläut kann sehr eindrucksvoll erfahren werden, wenn man durch die Holstenstraße auf die Kirche zugeht. In der folgenden Aufnahme komme ich vom Holstenfleet durch die Holstenstraße. Im Nahbereich der Kirche ist das Geläut gedämpft. Wir treten in den Vorraum der Kirche. Nach dem Verlassen klingt das Mittagsgeläut aus und fern ist das Carillon des Kieler Klosters zu hören. Wir nähern uns dem Glockenspiel.

Die Frage ist, ob es gelingt, alle drei Geläute von einem bestimmten Punkt in Dreieinigkeit aufzuzeichnen. An einem Sonnabend stellte ich fest, dass um 12 Uhr alle drei nahezu in Aktion treten – zeitlich leicht versetzt. Am Sonntag funktionierte das nicht, weil die Kirche da einen anderen Zeitplan verfolgt. An einem Wochentag kann zu starker Autoverkehr das Klangbild beeinträchtigen. Falscher Wind und unpassender Regen können auch den Erfolg verhindern.

Als nächsten Aufnahmepunkt wählte ich einen Schnittpunkt zwischen Rathausturm und Nikolaikirche mit der Hoffnung, dass dort auch das Carillon zu hören sei. Die beiden großen Geläute konnte ich tatsächlich einfangen an der Bushaltestelle Martensdamm. Störend war der Autoverkehr und enttäuschend, dass das Carillon von Häusern zu sehr abgeschirmt war.

Rathausglockenspiel und St. Nikolai 12 Uhr mittags vom Martensdamm her aufgenommen

Die Jagd nach dem richtigen Klangbild gestaltet sich also ähnlich schwierig wie die nach dem gelungenen Foto. Es gibt tatsächlich eine Reihe von Analogien zwischen Fotokunst und Soundscaping.

  • Das Arrangement muss stimmen!
  • Die Ausleuchtung muss Klarheit/Stimmigkeit schaffen!
  • Die Aufnahmetechnik muss der Aufgabe gewachsen sei!
  • Störende Einflüsse sollen das Werk verschonen!
  • Der Auslöser muss zur richtigen Zeit am richtigen Platz bei Gegebenheit der obigen Faktoren gedrückt werden!

So einfach ist das!

Andres Bosshard und seine Züricher Klangspaziergänge

Vor einigen Jahren fiel mir dieses Buch in die Hände: Andres Bosshard: Stadt hören : Klangspaziergänge durch Zürich. Mit der Komposition „Choreophonie des Stadtklangs von Zürich“ Verlag Neue Zürcher Zeitung. ISBN 978.3.03823.549.1

Hier ein Auszug aus meinem Konspekt:

Der Autor der Hörspaziergänge durch Zürich ist kein Blinder. Er ist tief eingedrungen in die akustische Wahrnehmung. Doch findet man auch bei ihm, dass dem Raumhören teilweise sogar die eigene Sprache fehlt. So spricht er bildhaft vom Hörblick, Höraussichtspunkt oder der Klangfatamorgana, Klangschatten oder Camera Obscura. Ein Raum kann akustisch erblinden. Es gibt aber auch die Hörorte und Resonanzräume, eine Tieftonfalle und Klangwellen, Klangwind, Klangtore und -schleusen. Licht und Schall gemeinsam haben Weißes Rauschen, Panoramen. Er betreibt Klangtriangulation des Stadtraums mit Hilfe von Glocken.

Seine Vision ist eine „Kunst die Stadt akustisch zum blühen zu bringen“. Nun sehne ich mich nach einem Stadtentwickler/Architekten, der bereit ist, „auf der Grundlage des Stadtplans einen Stadtklangplan zu entwerfen.“

Im Glossar heißt es unter dem Stichwort Stadtstimmen:

„Im Stadtraumkonzert sind mehrere, deutlich unterscheidbare Stimmen aktiv: die Schritte gehender Menschen zum Beispiel bilden am frühen Morgen eine perkussive Begleitstimme vieler Straßen und Plätze. Eine weitere geheimnisvolle Stadtstimme sind die 1200 ständig fließender Brunnen. Wenn alle andern Stimmen schweigen würden, könnte man im gesamten Stadtgebiet das Murmeln der Brunnen hören. Im Alltagslärm gehen sie oft vollständig unter. Sie sind deshalb auch als Indikatoren für die Lärmbelastung sehr wertvoll.“

Zitiert aus der Brailleschriftausgabe, Bd.2 S. 178-179

Wasserspiele in Kiel

Nun hat meine architektonisch eher abweisend und unfokussiert wirkende Stadt Kiel keine 1200 Brunnen und die im Innenstadtbereich vorhandenen sind weder optische noch akustische Schönheiten. Immerhin vermehren sie sich. Hier dazu ein paar eigene Aufnahmen.

Kaskadenartig über 4 Ebenen angelegt ist das Wasserspiel auf dem Europaplatz. Bei der folgenden Aufnahme habe ich mich zwischen zwei Ebenen positioniert.

Wasserspiele Kiel, Europaplatz obere Kaskade

Wasserspiele sind Marker einer Landschaft. Wer sich darauf einlässt, kann sich selbst zentrieren und in meditative Zustände gleiten lassen. Bewegen wir uns in der Klanglandschaft, sind die Veränderungen wahrnehmbar, die sich ergeben durch Entfernungen, durch Reflexionsflächen und Perspektivverschiegungen. Vor allem Gebäude erzeugen Spiegelungen, Ablenkungen oder Absorbtionen. Der Schall entfaltet sich in der Geometrie des bebauten Raums, die wir durchwandern. Das Material, aus dem die Flächen beschaffen sind, auf die er trifft, spielt auch eine Rolle.

Eine Tonaufnahme plätschernden Wassers von Bächen, Fontänen oder Kaskaden ist freilich eben nur eine Tonaufnahme. Sie entbehrt der tatsächlichen Anwesenheit des Raumes, in dem sie entstand. Interessant bleiben sie, wenn der Entstehungsraum belebt wird, wie in diesem Beispiel eines Wasserspiels vom neuen, noch etwas trist in Beton gefassten Holstenfleets. Als ich mit meinen Kopfmikrofonen vor den kleinen Fontänen stand, bewegten sich hinter mir Leute über die Holzbohlen.

Wasserspiel am Holstenfleet

Unsere Brunnen und Fontänen sind vergleichsweise langweilig. Kontrastierend dazu hier eine Aufnahme aus der freien Natur in einem Ausschnitt aus meiner Klangstudie „Schweden hören im Sommer“ vom Sommer 1997.

Ein kleiner Fluss in Schweden, der sich in einer Schlucht breit machen kann

Menschen als Kulisse

Ein großer Platz. Er wird hörbar durch die Menschen, die auf ihm herum wuseln. Es ist Wochenmarkt auf dem Exerzierplatz in Kiel. Die Leute tun, was sie auf einem Wochenmarkt so tun. Wir belauschen sie, ohne ihre Anonymität aufzubrechen.

Impressionen vom Wochenmarkt in Kiel am 15.05.2021

Den Raum hören lernen

In der folgenden Aufnahme gibt es verschiedene Bereiche, die sich bei entsprechender Aufmerksamkeit gut unterscheiden lassen. „Hören ist wissen“, sagte mir einst ein musischer Freund. Also führe ich die geneigten Hörer mit hoffentlich passablen Kopfhörern auf den Ohren mal durch die Momente dieser Aufnahme, die am 22. Mai 2021 im Klostergarten unter dem Kieler Carillon entstand.

Zunächst hören wir die Turmglocke (Läuteglocke). Sie scheint tatsächlich von weit oben zu kommen. Spatzen im Vordergrund machen die Relation wahrnehmbar. Gerd Heinrich spricht seine Begrüßungsworte unter dem Baum stehend, hier von weit links zu hören. Die Turmglocke schlägt weiter 11 Uhr. Wir sitzen unter einem kleinen Vordach. Das wird hörbar durch den Regen, der darauf fällt. Aus größter Nähe sagt meine Frau, dass ich dichter heranrutschen soll.

Leute klatschen Beifall. Man kann deutlich in der Mitte diejenigen unter dem Dach von denen unterscheiden, die weiter links im Freien stehen.
Bevor Gunther Strothmann zu spielen beginnt, hört man noch eine Amsel und ein Baustellengeräusch. Dass das Carillon von oben erklingt, sollte deutlich zu hören sein. Der Regen auf dem Dach ist dichter über uns. Vögel, Menschen, die sich unterhalten und vorbei fahrende Autos stören aber schaffen auch Raumtiefe.

Beginn des 1. Kieler Carillon-Konzerts nach der Corona-Pause. 22. Mai 2021 um 11:00 Uhr.

Stadtklang im Wechsel der Tageszeiten

Tag und Nacht

Der Einfluss der Rhythmen der Natur scheint in den Hintergrund zu treten, wo die sog. Zivilisation den Ton angibt. Selbst der Wechsel von Tag und Nacht relativiert sich in den „Weltstädten“: „Die Nacht zum Tage machen“ heißt das wohl auch. Ganz abgekoppelt sind wir aber nicht vom Lauf der Jahre und Tage. Auch wenn immer etwas Unruhe bleibt – nachts schlafen die Städte. Die doch noch vorhandenen Geräusche kontrastieren zur relativen Stille, sind auffälliger und breiten sich weiter aus.

Und damit kommen wir zum Humboldt-Effekt. Ich „entdeckte“ ihn für mich durch ein großartiges Hörstück des bolivianischen Autoren Daniel Velasco in einer Produktion von Deutschlandradio aus dem Jahr 2001.

In der Nacht breitet sich der Schall ungehindert aus, hören wir weiter. Das Phänomen kennen wir bestimmt alle; ich jedenfalls habe es schon als 5-Jähriger wahrgenommen und darüber sinniert. Unser „gesunder Menschenverstand“ erklärt sich den Tag-Nacht-Unterschied durch die Ruhe, die im Dunkeln einkehrt. So ging es auch dem Weltreisenden und Gelehrten Alexander von Humboldt, bis er in den Amazonas-Nächten bemerkte, dass der tierische Lärm keineswegs abnimmt in den Tropenwäldern; und dennoch war die Ausbreitung des Schalls in der Dunkelheit eine weitere. Der genaue Beobachter Humboldt hielt seine Wahrnehmung fest und stellte dazu Überlegungen an. Eine wissenschaftliche Erklärung wurde aber erst gefunden mit der Teilchenphysik des 20. Jahrhunderts.

Licht ionisiert und Wärme bringt die Luftmoleküle in Bewegung. Diese Kinetik der Atmosphäre dämpft die Ausbreitung des Schalls. Nachts kommt die Luft zur Ruhe. Der Schall breitet sich besser aus.

Das Morgenerwachen

Die folgende Tonaufnahme entstand in der Stunde vor Sonnenaufgang. Der Menschen- und Verkehrslärm ist noch kaum erwacht. Beginnend mit den Amseln kommen die Vögel in die Gänge.

Eine Besonderheit dieser Aufnahme soll noch erwähnt sein: mit den OKM-Mikrofonen in den Ohren saß ich still auf unserem Balkon. Zwischen den Häusern existiert ein besonderer Resonanzraum für die Geräusche. Die urbane Bebauung schafft unseren Singvögeln eine Arena. Für Ornithologen ist das sicher kein guter Ort. Sie konzentrieren sich meist auch auf bestimmte Tiere. In dieser Aufnahme hier sind es die Wechselwirkungen der Gesänge, die zum Teil einen ganz eigenen Rhythmus haben, etwas quasi Musikalisches. Diese Geräusche eines Frühlingsmorgen-Erwachens ergeben ein irgendwie kunstvolles Geflecht. Die linear aufgezeichnete Stunde wurde hier auf 15 Minuten gerafft. Ich war bemüht, beim Schneiden keine hörbaren Brüche zu schaffen.

Frühlingserwachen vorm Balkon, aufgenommen vom Balkon der Lüdemannstraße 22, 2. Etage in Kiel am 26.05.2021 zwischen 04:00 und 05:00 Uhr. Sonnenaufgang: 04:56 Uhr.

Die Aufnahmesituationen in der Klanglandschaft Staddt lassen sich kaum arrangieren. Sie sind nicht detailliert planbar. Ich kann Ort und Zeit so wählen, dass ein erwartetes Resultat eintreten kann; aber ich kann die Bedingungen nicht wirklich kontrolliren, wie das ein Maler bei seinem Gemälde tun könnte.

Ich habe die Balkon-Session an einem Sonntag morgens wiederholt: am 06.06.2021 ab 03:45 Uhr. Sonnenaufgang in Kiel an diesem Tag war um 04:48 Uhr.

Das Ensemble der Vögel war etwas anders besetzt als vor 10 Tagen. Und es gab mehr Klänge, die von Menschen gemacht wurden. Gegen Ende der Aufnahme gibt es Laute aus Wohnungen. Ein Flugzeug habe ich mitgenommen. Es wird erkennbar, wie lange so ein Düsenjet im Klangbild bleibt.