Diese Überlegungen sind vielleicht so etwas wie eine Selbstrechtfertigung dafür, dass ich mich in diesen arbeitsreichen, bewegten, global gesehen Wendezeiten intensiv mit Glockenspielen holländischer Bauart befasst habe. Zu den vielen starken Gedanken, die ich in mich gesaugt habe, gehört ja auch das Brechtsche Gedicht „An die Nachgeborenen“ mit dieser bohrenden Gewissensfrage:
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Aber wenn wir uns dieses Gespräch nehmen lassen, haben wir da nicht unsere Welt, unsere Kultur, unsere Zivilisation preisgegeben? Meine Antwort ist die Bejahung des Lebens. Und ich hoffe, dass es aufmerksam Hörenden nicht entgeht, dass mein „Gespräch“ über Glockenspiele das Wissen über Krieg und Vernichtung, über Bereicherung und Verarmung einschließt.
„Die kleinste Blume hat ja Verwurzelungen im Unendlichen, und unsere Neigung ist es, die sie entdeckt. Das Unscheinbare ist nur Verschleierung.“ („Das Sandurhbuch“, S.7)
Kaum wage ich den Namen des Autoren dieses Zitats zu nennen, denn damit wird der große Gedanke gleich in eine Schublade gepackt, was er nicht verdient hat.
„Das Sanduhrbuch“ von Ernst Jünger gehört zu meinen weltanschaulichen Quelltexten ebenso wie das wissenschaftliche Werk von Karl Marx, „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch und die Romane der Christa Wolf oder die Texte von Kurt Demmler.
Auch die 80er Jahre waren die Dämmerung einer Zeitenwende. Besonders wir hell wachen Zeitgenossen in der DDR waren aufgewühlt, verzweifelt und misstrauten unseren Hoffnungen, was nicht unbegründet war. Aber auch da schon lebte ich in geistiger Freiheit. Bloch, Bahro, Leonhard, Nero und Jünger – sie alle las ich Dank meines Privilegs einer Fernleihegenehmigung für die Bibliothek der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Ich konnte mehr Literatur, die offriziell unerwünscht war, besorgen als meine Freunde, die dieses „Blindenprivileg“ nicht hatten. Und ich machte davon regen Gebrauch (vgl. meinen Aufsatz aus 1991 „Mein schwieriger Umgang mit Punktschriftbüchern„. Darin heißt es:
„Der Zugang zu den Marburger Bibliotheken via Leipzig hat mir schon frühzeitig geholfen, ein Stück kritischen Abstand zur eigenen Provinz zu gewinnen. Als nach dem Fall der Mauer viele DDR-Kollegen die Lektüre von Wolfgang Leonhards „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ als schockierende Offenbarung erlebten, hatte ich das schon zehn Jahre lang hinter mir. Es ist eine der besonderen Absurditäten unserer Lage, daß ich als Blinder unter den Bedingungen organisierter geistiger Blindheit einen bestimmten Informationsvorsprung, eine Art Narrenfreiheit haben konnte.“
Zuhause und fremd zugleich zu sein, ist eine meiner Grundbefindlichkeiten. Mich in einer Welt einzurichten, die mir durch tiefere Durchschauung suspekt ist, ist der Zwiespalt, den ich lebe. Bist du physisch in deiner Mobilität eingeschränkt, musst du es geistig längst nicht sein. Vielleicht kann die geistige Fliegkraft eines körperlich eingesperrten Menschen sogar eine gesteigerte sein.
Aus dem Jünger-Büchlein habe ich Mitte der achtziger Jahre die Text-Musik-Collage „Sanduhr-Meditationen“ entwickelt. In Studentenclubs und anderen Veranstaltungsorten habe ich das mit zwei Kassetten-Laufwerken live aufgeführt. Eine dieser Aufführungen in Berlin-Mitte fiel in die frühen Oktobertage 1989. Das war schon fast absurd, sich in diesem aufgewühlten Moment der Geschichte mit so abseitig scheinenden Texten zu befassen. Doch das Werk über die Zeit hat was Zeitloses oder Überzeitliches. Die eigene Zeit und ihr Geschehen zu beurteilen, kann wohl nicht gelingen ohne Abstand zu ihr.
„Wer ganz in dieser stolzen Titanenwelt lebt, in ihrem Genusse, ihren Rythmen und und Gefahren, kann Großes in ihr erreichen, aber er kann sie nicht beurteilen. Es wird ihm im besten Falle wie Napoleon gehen, der eine Welt erobern konnte und doch so blind hinsichtlich seiner eigenen Person und Lage war …
Je mehr man in seiner Zeit ist und in ihr lebt, desto mehr unterliegt man ihrem Vorurteil.“ (ebenda S. 14)
Ich stellte mit meinem Freund und Tontechniker Wolfgang Schnee in Greifswald i. J. 2000 eine Studiofassung her, die ich hier gern zum Download anempfehle.
In Kiel habe ich die „Sandurh-Meditationen“ am 23.03.2004 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kulturrausch“ am 23.03.2004 als Dunkellesung aufgeführt, wozu es einen Reader gab.
Mit Klang und Text im Kontext soll es weiter gehen. Und ich bin glücklich, dass ich 2025 das wachsende Gefühl empfand, die Sache mit der Glocken-Klangreise muss ich machen. Und nun liegt sie vor, kann hier nachverfolgt werden!