Die Inhalte dieses Artikels:
Vorbemerkung
Meine Radiojahre sind eigentlich schon lange vorbei. Etwas ziemlich Anderes füllt mein Altersrentner-Dasein: der ehrenamtliche Vollzeitjob für einen landesweiten Verein, der in bewegten Zeiten seine Rolle finden muss als Selbsthilfe, Selbstvertretung, Berater und Helfer rund um Sehschädigung und Blindheit. Ich trauere der radioaktiven Zeit nicht nach. Doch dann kam jener Trigger-Moment, von dem die Sendung genauso erzählt wie von meiner Lust an der Klangdimension unserer Welt. Ich habe mich auf eine Lern- und Entdeckungstour begeben auch in der Handhabung technischer Möglichkeiten einer Audioproduktion, die ich selbständig bedienen kann. An Zeilen wachsen – das treibt mich an.
Sendungen mit einer Dauer von 2 Stunden sind aus dem Sendealltag des Rundfunks praktisch verschwunden. Durch das Podcasting wurden sie wieder möglich und – zum Erstaunen vieler Programmverantwortlicher – wieder anziehend. Klar, in den Mediatheken und auf den Portalen können die Hörer „zeitsouverän“ hören, was beim „linearen“ Rundfunk ja nicht geht.
Einen kleinen Internetsender und seine Macher kenne ich gut. Wir schätzen und vertrauen uns. Daher sicherten sie mir den wunderbaren Sendeplatz zwischen den Jahren bereits zu, als mein Projekt noch im Stadium des Skizzenhaften war. Ich habe geliefert. Es wurde gesendet.
Hier möchte ich aber selbst dafür sorgen, dass dieses bislang umfangreichste eigene Werk nachhaltig verfügbar bleibt. Im folgenden stelle ich es abschnittsweiseweise und kommentiert online. Wer es in Gänze hören mag, kann es hier herunterladen!
Kapitel 1 der Klangreise: Der Trigger und mein Lebenslauf
Die Einspiele dieses Teils sind
- Auszug aus „Tubular Bells“ von Mike Oldfield, Achtung: das ist aus der Stereo-Edition
- Eigene Aufnahme des Dromedaris-Carillons in Enkhuizen (mit OKM-in-ear-Mikrofonen und einen Olympus-Diktirgerät)
- Glockenspiel des mobilen Carillons von Olaf sandkuhl in 3 Einspielungen: Boltenhagen im April 2005,
- Aufnahme von R. Walter am 26.06.2005 und
- Mitschnitt aus dem Kieler Ratsdienergarten vom01.07.2006
Manchmal löst ein Klang eine Lawine an Erinnerungen aus. So ein Auslöser war bei mir das Carillon im Dromedaristurm von Enkhuizen.
Als wir vom Hafen kommend in die alte Stadt traten, hörte ich den Klang dieses „leichten“ Glockenspiels und wurde Neugierig. Als ich mich informierte, stieß ich auf den Namen eines Wegbereiters der bronzenen Glockenspiele: den blind geborenen Jacob van Eyck. Da ging im Kopf die Schublade „Carillons in meinem Leben“ auf. Davon erzählt dieses Eingangskapitel der Sendung.
Kapitel 2 der Klangreise: Glockenkunde
/Eingespielt werden hier
- Auszüge aus der Sendung „Ohrenblicke – Kirchenklänge“ von Siegfried Saerberg und Melanie Noske
- Stundenschlag des Glockenspiels vom Kieler Rathausturm als Klingelton auf der Homepage der Landeshauptstadt Kiel
- Eigene Aufnahme des Stundenschlags mit 3dAudio-Mikrofon
- „Sanctus“ aus“ GLOCKEN REQUIEM DRESDEN, 1995 von Johannes Wallmann
- Audio-Steckbrief zum Kieler Carillon aus „Grüne Wege für Kiel“, Redaktion Jürgen Trinkus, Sprecher: Bernd „Barni“ Söhnel, Januar 2012
Glocken waren ein Massenmedium. Sie gaben den Menschen im Umkreis Alarm und diverse Botschaften, die nicht überhört werden sollten. Sie gaben den Dingen des Lebens auch ihr Zeitmaß. Vor allem auf den Türmen der Kirchen waren sie positioniert und bildeten Klanglandschaften.
Die Topographie der Glocken – mit ihr haben sich schon viele auseinandergesetzt. Dazu greife ich hier auf die Arbeiten von Siegfried Saerberg zurück.
Jede Viertelstunde erklingt vom Kieler Rathausturm das 1911 eingebaute Glockenspiel. Daran kann ich in der Sendung sehr gut die Anwendung der Bruchrechnung auf das Zeitmaß erklären, womit die Schleswig-Holsteiner sich ja oft schwer tun. Ich hätte es etwas gründlicher erklären müssen, was ich hier im Kommentar nachholen will.
Die Melodie besteht auf vier Teilen, wozu es auch vier Zeilen eines Spottverses gibt. „Kiel hat kein Geld. Das weiß die Welt. Ob’s noch was kricht. Das weiß man nicht.“ Zur ersten Viertelstunde erklingt die erste Phase, zur halben Stunde die ersten beiden, zu Dreiviertel drei und zur vollen Stunde alle vier Melodieteile komplett, gefolgt von Stundenschlag.
In der Sendung wird erwähnt, dass dieses Glockenspiel auch eine Rolle spielt, in der „Kieler Hör(ver)führung„, die ich mit Karl Elbl entwickelt habe. Und ich erlaube mir hier auch den Werbeblock: Diese Führung, die die Ohren schärft für unsere Umgebung, kann noch gebucht werden bei Kiel Marketing.
Die ehedem üppigen Glockenlandschaften wurden für die zwei Weltkriege dezimiert, denn man brauchte viel Bronze. Sie mahnen aber noch immer. Dafür steht hier das Dresdener Glockenrequiem von Johannes Wallmann, aber auch der Turm, der nach der Zerstörung der Kieler Klosterkirche übrig blieb. Auf ihn kehrte die 1928 gegossene Läuteglocke zurück, die sich wunderbarerweise als Überlebende auf dem Hamburger Glockenfriedhof wieder fand. Sie wurde in das 1999 in den Turm eingebaute Carillon integriert. Dieses Carillon enthält übrigens auch eine Coventry-Glocke. In der Sendung wird erwähnt, dass Kiel wie Dresden in einer Städtepartnerschaft mit Coventry verbunden ist.
Der unsichtbare Ruhm des blinden van Eick. Klangspurensuche von Jürgen Trinkus. Teil 2: Glockenkunde
Kapitel 3: Besuch bei Dr. Markus Zimermann
Einspiele in diesem Teil:
- Artikel aus „Die Gegenwart“ Heft 4/2004. Serie von Dr. Markus Zimmermann: „Blinde Musikerpersönlichkeiten. Folge: Jacob van Eyck, Niederländischer Blockflötenspieler, Carillonist und Komponist (ca. 1590 bis 26. März 1657)
- Besorgung eines Tonträgers mit Musik des Jacob van Eyck bei Ruth König Klassik in der Dänischen Straße, Kiel. Aufnahme vom 12.11.2025
- Stücke aus „Der Fluyten Lust-Hof“, eingespielt von Marion Verbruggen, Label: Harmonia Mundi; Ursprüngliche Veröffentlichung: ca. 2003. Eingespielte Stücke in diesem Kapitel: „Bockxvoetje (Goatsfoot)“ und „DOEN DAPHNE D’OVER“
- Besuch bei Markus Zimmermann am 11.10.2025 mit Aufnahmen vor und in der Kirche St. Georg in Merch-Buchheim
In diesem Abschnitt der Sendung erfahren wir mehr über Jacob van Eyck. Meine Quelle ist Dr. Markus Zimmermann, den ich auch besuchte.
Kapitel 4: Der Weg zum Carillon führt über die Orgel
Einspiele in diesem Abschnitt:
- Mit Markus Zimmermann vor der Kirche in Buchheim und in der Kirche, an der Orgel, die er vorführt. Aufnahme mit 2 Ansteck-Funkmikrofonen vom 11.10.2025
- Interview mit Dr. Felix Friedrich in der Schlosskirche zu Altenburg am 02.08.2025 (Aufnahme mit 2 Funkmikrofonen)
- Einspiel „Präludium 3“ von Johann Ludwig Krebs, CD „Die Trost-Orgel in der Schlosskirche Altenburg. Felix Friedrich spielt Werke von Johann Sebastian Bach und Johann Ludwig Krebs“ . Kamprad-Verlag Altenburg, label querstand
- Glockenspiel der „Gläsernen Orgel“ der Marienkirche Rendsburg, eingespielt von der Begleit-CD 15 Hörbeispiele: Wie die Späth-Orgel klingt… zur Festschrift für die Einweihung am 31.10.2025
Als ich im Vorgespräch mit dem Autor Markus Zimmermann davon sprach, dass ich eine Sendung über Carillons machen will, sagte der Orgel-Fachmann, dass es auch ein Orgel-Register Carillon gibt. Das schärfte meinen Antennen. Bei einem Aufenthalt in Altenburg wurden wir aufmerksam auf ein Schlosskirchenkonzert. Ich fragte ich, ob diese Orgel auch ein Carillon habe. Als sich dies bestätigte, ging ich mit dem Vorsatz zu dem Konzert, den Schlosskirchen-Organisten darauf anzusprechen. So lernte ich Dr. Felix Friedrich kennen. Ich konnte ihn interviewen. Leider war es nicht mehr zu arrangieren, mir selbiges demonstrieren zu lassen. Also musste es eine CD tun.
Wie spannend es ist, einer Orgel so nahe zu kommen, wie es sonst nur der Organist sein kann, erlebte ich ja in der Buchheimer Kirche bei Markus Zimmermann.
Kapitel 5: Das Carillon
Höhepunkt der Sendung ist das Treffen mit dem Kieler Carilloneur Dr. Gunther Strothmann in der Turmstube des Kieler Klosters. Das Gespräch zeichneten wir am 11.09.2025 auf, direkt nach dem Gedenkkonzert für die Opfer von Terrorismus. Daraus werden hier folgende Stücke eingespielt:
- „Verleih uns Frieden gnädiglich“
- „Freiheit, die ich meine“
- „Warum“
Kapitel 6: der blinde van Eyck und seine Verdienste
Hier fassen wir zusammen, was zu den bleibenden Leistungen des Jacob van Eyck festzuhalten ist.
Einspiele:
- Markus Zimmermann zur Frage der Blindheit des van Eyck – aus meinem Interview vom 11.10.2025
- „Boffons“, aus „Der Fluyten Lust-Hof“, gespielt von Marion Verbruggen
- Interview mit Andrea Katemann in Freiburg am 11.10.2025
- „Engels Nachtegaeltje“ (English Nightingale), interpretiert von Marion Verbruggen
Jacob van Eyck sei blind, sagen die Quellen. Das hinterfragen wir mit dem gleichfalls sehbehinderten Musikwissenschaftler Dr. M. Zimmermann.
Van Eyck hatte nicht nur praktisches sondern auch wissenschaftliches Format, war gut unterwegs in seiner Zeit. Eine Schrift für Blinde wurde aber erst 168 Jahre nach seinem Tod entwickelt. Einer wie ich hat es Dank dieser Schrift des Louis Braille erheblich leichter. Ich konnte meine Sendung mit Hilfe dieser Schrift entwickeln und umsetzen. Etwas anderes wäre für mich undenkbar.
Eine blinde Bibliothekarin kommt ja nun auch vor in dieser Sendung. Dass die Bibliotheksleiterin der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg auch eine gelernte Blockflöten-Virtuosin ist, verrieten mir Freunde. Und so nutzte ich unser Zusammentreffen bei der DBSV-Verbandsratstagung in Freiburg für dieses Interview. Andrea Katemann konnte sich nicht so recht erinnern, wie das Stück van Eycks hieß, das sie einst gespielt hat. Wir kamen aber doch noch drauf, dass es die englishcen Nachtigall gewesen sein muss. Klar, dass dieses viruose, an der Natur orientierte Stück in der Sendung zu hören sien musste.
Kapitel 7: Aus- und Nachklang
Es bleibt noch etwas Zeit. Und so schauen wir noch mal vorbei bei Ruth König, die ihr Leben dem Tonträgerhandel verschrieben hat und auch mit 80 Jahren noch nicht aufhören mag damit. Wir kommen noch mal zurück auf den mobilen Rostocker Carilloneur Olaf Sandkuhl und die von ihm auf einem Acker bei Rostock eingespielten weihnachtlichen Melodien. Und ich kann es nicht lassen, das Thema Stadtklang von den Glocken noch zu weiten auf eine Kuriosität, die sich alle Jahre wieder in Kiel zuträgt, wenn die 4 Posaunisten des Philharmonischen Orchesters am Silvesterabend Weihnachtslieder blasen, begleitet von Böller-Geräuschen.
Im Abspann erklingt ein weiterer Ausschnitt aus dem Stereomix der „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Und als „Rausschmeißer“ gibt es noch „The Balck Plague“ von Eric Burdon – eine ebenso mystische wie gleichnishaft aktuelle Ballade.
Technische Nachbemerkungen
Ich habe sehr viel gelernt während der 6 Monate Arbeit an dieser Sendung. Die Bestandteile der Produktion sind technisch mehr oder minder gut gelungen. Ich habe mit Recordern und Mikrofonen herumprobiert und einiges Lehrgeld bezahlt. Auch wenn die Ergebnisse den höchsten Ansprüchen nicht genügen, sind sie doch wertvolle Momentaufnahmen, die ich nicht unter den Tisch fallen lassen mochte. Ja, ich habe das alles allein aufgenommen und abgemischt, was geschulten Ohren nicht verborgen bleiben kann.
Das in Buchheim die 3dAudio Binaural-Mikrofone nicht mitspielten und die Aufnahmen nur mit zwei Funkmikrofonen entstanden, die wir uns anklippten, war glücklicherweise zu verschmerzen.Das Ergebnis war weit brauchbarer als zu befürchten war.
Die Aufnahmen am Kieler Glockenspieltisch werden durch unerklärliche Nebengeräusche beeinträchtigt. Sei es drum.
Ruth König war zum Zeitpunkt der Aufnahme schwer erkältet. Und auch Oft hatte die Mikrofontechnik nicht so funktioniert, wie ich beabsichtigt hatte.
Auch in der Schnitttechnik meiner Sprachaufnahmen ist leider ein wenig Unruhe entstanden durch mitunter zu enge Schnitte. Das hörte ich so richtig erst als alles fertig war.
Auch am Manuskript könnten weitere Verbesserungen gut möglich sein.
Aber ich bin froh, dass ich die Zeit für so eine umfassende Arbeit überhaupt erübrigen konnte. Und ich habe eben viel gelernt fürs weitere Leben. Insbesondere habe ich Audacity kennengelernt als gut bedienbare Software für Mehrspur-Produktionen.
Dank!
Allen sei hier summarisch gedankt, die mich begleiteten, unterstützten, berieten und sich befragen ließen, und allen, die mir dafür den Rücken frei hielten.