Stadtklang entdecken und festhalten

Vor dem Opernhaus steht eine Granitbank, auf der er sitzt, der gute Geist, in Bronze geschaffen von Tauno Kangro. Ud Jürgen Trinkus hat sich dazu gesetzt, um dem Rathausglockenspiel zu lauschen

Es gibt schon Leute, die das mit Leidenschaft betreiben, was unter Begriffen gefasst wird wie Urban Sounds oder Soundscape. Für mich ist ein wichtiger Bezugspunkt die Theorie und Praxis des Züricher Klangkünstlers Andres Bosshard. Siehe dazu mehr weiter unten!

Nur ein einziges mal allerdings erlebte ich selbst, dass dies bis ins Tourismus-Marketing einer Großstadt hineinwirkte. Das war in Hongkong. Dort gibt es zahllose Verkehrsampeln mit akustischen Freigabesignalen, die ungedämpft und um die Wette piepen und tuten. Diese Kakophonie aus Sinustönen bricht sich vielfach in den Häuserschluchten, sodass es schon als akustische Umweltbelastung qualifiziert werden kann. Die Bewohner dieser geschäftstüchtig lärmenden Metropole scheinen das jedoch mit Gelassenheit zu sehen. Als wir mit „Big Bus“ durch Hongkong tingelten und dabei dem Audioguide lauschten, der in 10 Sprachen verfügbar ist, hörte ich, dass es für diese ganz besondere Klangkulisse einen stolzen Namen gibt: „The Sound of Honkong„. Zu ärgerlich, dass ich davon keine Tonaufnahme mitgebrachtr habe.

Festgehalten habe ich – wenn auch mit unzureichender Mikrofonausstattung – ein anderes städtisches Klangereignis in Shanghai. Im dortigen Century Park finden alljährlich Anfang Oktober an drei aufeinander folgenden Tagen gigantische Feuerwerksinszenierungen statt, zu denen Pyrotechniker vieler Länder beitragen. Wir waren am 03.10.2021 zu Besuch in einer Wohnung, deren Balkon direkt auf den Park ging und also eine Art Logenplatz bot für das, was da abging. Der große Park fasste gar nicht alle interessierten Zuschauer. Auf der vorbei führenden vielspurigen Straße stand der Verkehr. Und die Explosionen der Feuerwerksbatterien waren zum Teil so heftig, dass die Alarmanlagen parkender Autos ausgelöst wurden, was von unserem Platz aus gleichfalls zu erleben war. Die vier Ebenen des Feuerwerks und die fünfte Ebene der reagierenden parkenden Fahrzeuge konnte ich mit dem mitgeführten Rekorder, einem einfachen Olympus-Diktiergerät, nicht in gebotener Differenzierung festhalten. Doch nach dieser Vorrede lässt sich vielleicht trotzdem ahnen, was da an Unerhörtem zu hören war.

Es genügt nicht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das auch zu realisieren. Auch die Technik sollte dem Moment gewachsen sein, was hier leider nicht der Fall war.

Ich selbst war neulich auf die Stadtklänge zurück gekommen, als die rhythmischen Arbeitsgeräusche einer ungeliebten Baustellen-Ramme Teile der Stadt Kiel in einen Resonanzraum verwandelten, dem etwas Faszinierendes abzugewinnen war. Da entstand ein akustisches Spiegelkabinett, das mir sehr festhaltenswert erschien. Siehe dazu den entsprechenden Beitrag!

Die Suche nach der Kieler Stadtklang-Ikone

Das Kieler Motiv ist mir schon klar. Nun muss ich es nur noch einfangen.

Drei Glockenspiele tönen durch die Altstadt: Das vom Rathausturm:

Glockenspiel vom Kieler Rathausturm, aufgenommen vor dem Opernhaus, sitzend bei der Skulptur „Bonne fée de maison“ von Tauno Kangro

Das zweite charakteristische Glockenspiel befindet sich am Alten Kloster. Es handelt sich um das Kieler Carillon, hier aufgezeichnet auf dem Klosterplatz.

Mittagsglocke und Carillon des Alten Klosters Kiel, aufgenommen auf dem Klosterplatz am 09.05.2021 um 12 Uhr, hier in einer Verkürzung

Die Dominante der großen Drei ist die Nikolaikirche. Ihr Geläut kann sehr eindrucksvoll erfahren werden, wenn man durch die Holstenstraße auf die Kirche zugeht. In der folgenden Aufnahme komme ich vom Holstenfleet durch die Holstenstraße. Im Nahbereich der Kirche ist das Geläut gedämpft. Wir treten in den Vorraum der Kirche. Nach dem Verlassen klingt das Mittagsgeläut aus und fern ist das Carillon des Kieler Klosters zu hören. Wir nähern uns dem Glockenspiel.

Die Frage ist, ob es gelingt, alle drei Geläute von einem bestimmten Punkt in Dreieinigkeit aufzuzeichnen. An einem Sonnabend stellte ich fest, dass um 12 Uhr alle drei nahezu in Aktion treten – zeitlich leicht versetzt. Am Sonntag funktionierte das nicht, weil die Kirche da einen anderen Zeitplan verfolgt. An einem Wochentag kann zu starker Autoverkehr das Klangbild beeinträchtigen. Falscher Wind und unpassender Regen können auch den Erfolg verhindern.

Als nächsten Aufnahmepunkt wählte ich einen Schnittpunkt zwischen Rathausturm und Nikolaikirche mit der Hoffnung, dass dort auch das Carillon zu hören sei. Die beiden großen Geläute konnte ich tatsächlich einfangen an der Bushaltestelle Martensdamm. Störend war der Autoverkehr und enttäuschend, dass das Carillon von Häusern zu sehr abgeschirmt war.

Rathausglockenspiel und St. Nikolai 12 Uhr mittags vom Martensdamm her aufgenommen

Die Jagd nach dem richtigen Klangbild gestaltet sich also ähnlich schwierig wie die nach dem gelungenen Foto. Es gibt tatsächlich eine Reihe von Analogien zwischen Fotokunst und Soundscaping.

  • Das Arrangement muss stimmen!
  • Die Ausleuchtung muss Klarheit/Stimmigkeit schaffen!
  • Die Aufnahmetechnik muss der Aufgabe gewachsen sei!
  • Störende Einflüsse sollen das Werk verschonen!
  • Der Auslöser muss zur richtigen Zeit am richtigen Platz bei Gegebenheit der obigen Faktoren gedrückt werden!

So einfach ist das!

Andres Bosshard und seine Züricher Klangspaziergänge

Vor einigen Jahren fiel mir dieses Buch in die Hände: Andres Bosshard: Stadt hören : Klangspaziergänge durch Zürich. Mit der Komposition „Choreophonie des Stadtklangs von Zürich“ Verlag Neue Zürcher Zeitung. ISBN 978.3.03823.549.1

Hier ein Auszug aus meinem Konspekt:

Der Autor der Hörspaziergänge durch Zürich ist kein Blinder. Er ist tief eingedrungen in die akustische Wahrnehmung. Doch findet man auch bei ihm, dass dem Raumhören teilweise sogar die eigene Sprache fehlt. So spricht er bildhaft vom Hörblick, Höraussichtspunkt oder der Klangfatamorgana, Klangschatten oder Camera Obscura. Ein Raum kann akustisch erblinden. Es gibt aber auch die Hörorte und Resonanzräume, eine Tieftonfalle und Klangwellen, Klangwind, Klangtore und -schleusen. Licht und Schall gemeinsam haben Weißes Rauschen, Panoramen. Er betreibt Klangtriangulation des Stadtraums mit Hilfe von Glocken.

Seine Vision ist es „Kunst die Stadt akustisch zum blühen zu bringen“. Nun sehne ich mich nach einem Stadtentwickler/Architekten, der bereit ist, „auf der Grundlage des Stadtplans einen Stadtklangplan zu entwerfen.“

Im Glossar heißt es unter dem Stichwort Stadtstimmen:

„Im Stadtraumkonzert sind mehrere, deutlich unterscheidbare Stimmen aktiv: die Schritte gehender Menschen zum Beispiel bilden am frühen Morgen eine perkussive Begleitstimme vieler Straßen und Plätze. Eine weitere geheimnisvolle Stadtstimme sind die 1200 ständig fließender Brunnen. Wenn alle andern Stimmen schweigen würden, könnte man im gesamten Stadtgebiet das Murmeln der Brunnen hören. Im Alltagslärm gehen sie oft vollständig unter. Sie sind deshalb auch als Indikatoren für die Lärmbelastung sehr wertvoll.“

Zitiert aus der Brailleschriftausgabe, Bd.2 S. 178-179

Wasserspiele in Kiel

Nun hat meine architektonisch eher abweisend und unfokussiert wirkende Stadt Kiel keine 1200 Brunnen und die im Innenstadtbereich vorhandenen sind weder optische noch akustische Schönheiten. Immerhin vermehren sie sich. Hier dazu ein paar eigene Aufnahmen.

Kaskadenartig über 4 Ebenen angelegt ist das Wasserspiel auf dem Europaplatz. Bei der folgenden Aufnahme habe ich mich zwischen zwei Ebenen positioniert.

Wasserspiel Europaplatz

Wasserspiele sind Marker einer Landschaft. Wer sich darauf einlässt, kann sich selbst zentrieren und in meditative Zustände gleiten lassen. Bewegen wir uns in der Klanglandschaft, sind die Veränderungen wahrnehmbar, die sich ergeben durch Entfernungen, durch Reflexionsflächen und Perspektivverschiegungen. Vor allem Gebäude erzeugen Spiegelungen, Ablenkungen oder Absorbtionen. Der Schall entfaltet sich in der Geometrie des bebauten Raums, die wir durchwandern. Das Material, aus dem die Flächen beschaffen sind, auf die er trifft, spielt auch eine Rolle.

Eine Tonaufnahme plätschernden Wassers von Bächen, Fontänen oder Kaskaden ist freilich eben nur eine Tonaufnahme. Sie entbehrt der tatsächlichen Anwesenheit des Raumes, in dem sie entstand. Interessant bleiben sie, wenn der Entstehungsraum belebt wird, wie in diesem Beispiel eines Wassespiels vom neuen, noch etwas trist in Beton gefassten Holstenfleets. Als ich mit meinen Kopfmikrofonen vor den kleinen Fontänen stand, bewegten sich hinter mir Leute über die Holzbohlen.

Wasserspiel am Holstenfleet

Unsere Brunnen und Fontänen sind vergleichsweise langweilig. Kontrastierend dazu hier eine Aufnahme aus der freien Natur in einem Ausschnitt aus meiner Klangstudie „Schweden hören im Sommer“ vom Sommer 1997.

Ein kleiner Fluss in Schweden, der sich in einer Schlucht breit machen kann

Menschen als Kulisse

Ein großer Platz. Er wird hörbar durch die Menschen, die auf ihm herum wuseln. Es ist Wochenmarkt auf dem Exerzierplatz in Kiel. Die Leute tun, was sie auf einem Wochenmarkt so tun. Wir belauschen sie, ohne ihre Anonymität aufzubrechen.

Impressionen vom Wochenmarkt in Kiel am 15.05.2021

Den Raum hören lernen

In der folgenden Aufnahme gibt es verschiedene Bereiche, die sich bei entsprechender Aufmerksamkeit gut unterscheiden lassen. „Hören ist wissen“, sagte mir einst ein musischer Freund. Also führe ich die geneigten Hörer mit hoffentlich passablen Kopfhörern auf den Ohren mal durch die Momente dieser Aufnahme, die am 22. Mai 2021 im Klostergarten unter dem Kieler Carillon entstand.

Zunächst hören wir die Turmglocke. Sie scheint tatsächlich von weit oben zu kommen. Spatzen im Vordergrund machen die Relation wahrnehmbar. Gerd Heinrich spricht seine Begrüßungsworte unter dem Baum stehend, hier von weit links zu hören. Die Turmglocke schlägt weiter 11 Uhr. Wir sitzen unter einem kleinen Vordach. Das wird hörbar durch den Regen, der darauf fällt. Aus größter Nähe sagt meine Frau, dass ich dichter heranrutschen soll.

Leute klatschen Beifall. Man kann deutlich in der Mitte diejenigen unter dem Dach von denen unterscheiden, die weiter links im Freien stehen.
Bevor Gunther Strothmann zu spielen beginnt, hört man noch eine Amsel und ein Baustellengeräusch. Dass das Carillon von oben erklingt, sollte deutlich zu hören sein. Der Regen auf dem Dach ist dichter über uns. Vögel, Menschen, die sich unterhalten und vorbei fahrende Autos stören aber schaffen auch Raumtiefe.

Beginn des 1. Kieler Carillon-Konzerts nach der Corona-Pause. 22. Mai 2021 um 11:00 Uhr.

Stadtklang im Wechsel der Tageszeiten

Tag und Nacht

Der Einfluss der Rhythmen der Natur scheint in den Hintergrund zu treten, wo die sog. Zivilisation den Ton angibt. Selbst der Wechsel von Tag und Nacht relativiert sich in den „Weltstädten“: „Die Nacht zum Tage machen“ heißt das wohl auch. Ganz abgekoppelt sind wir aber nicht vom Lauf der Jahre und Tage. Auch wenn immer etwas Unruhe bleibt – nachts schlafen die Städte. Die doch noch vorhandenen Geräusche kontrastieren zur relativen Stille, sind auffälliger und breiten sich weiter aus.

Und damit kommen wir zum Humboldt-Effekt. Ich „entdeckte“ ihn für mich durch ein großartiges Hörstück des bolivianischen Autoren Daniel Velasco in einer Produktion von Deutschlandradio aus dem Jahr 2001.

In der Nacht breitet sich der Schall ungehindert aus, hören wir weiter. Das Phänomen kennen wir bestimmt alle; ich jedenfalls habe es schon als 5-Jähriger wahrgenommen und darüber sinniert. Unser „gesunder Menschenverstand“ erklärt sich den Tag-Nacht-Unterschied durch die Ruhe, die im Dunkeln einkehrt. So ging es auch dem Weltreisenden und Gelehrten Alexander von Humboldt, bis er in den Amazonas-Nächten bemerkte, dass der tierische Lärm keineswegs abnimmt in den Tropenwäldern; und dennoch war die Ausbreitung des Schalls in der Dunkelheit eine weitere. Der genaue Beobachter Humboldt hielt seine Wahrnehmung fest und stellte dazu Überlegungen an. Eine wissenschaftliche Erklärung wurde aber erst gefunden mit der Teilchenphysik des 20. Jahrhunderts.

Licht ionisiert und Wärme bringt die Luftmoleküle in Bewegung. Diese Kinetik der Atmosphäre dämpft die Ausbreitung des Schalls. Nachts kommt die Luft zur Ruhe. Der Schall breitet sich besser aus.

Das Morgenerwachen

Die folgende Tonaufnahme entstand in der Stunde vor Sonnenaufgang. Der Menschen- und Verkehrslärm ist noch kaum erwacht. Beginnend mit den Amseln kommen die Vögel in die Gänge.

Eine Besonderheit dieser Aufnahme soll noch erwähnt sein: mit den OKM-Mikrofonen in den Ohren saß ich still auf unserem Balkon. Zwischen den Häusern existiert ein besonderer Resonanzraum für die Geräusche. Die urbane Bebauung schafft unseren Singvögeln eine Arena. Für Ornithologen ist das sicher kein guter Ort. Sie konzentrieren sich meist auch auf bestimmte Tiere. In dieser Aufnahme hier sind es die Wechselwirkungen der Gesänge, die zum Teil einen ganz eigenen Rhythmus haben, etwas quasi Musikalisches. Diese Geräusche eines Frühlingsmorgen-Erwachens ergeben ein irgendwie kunstvolles Geflecht. Die linear aufgezeichnete Stunde wurde hier auf 15 Minuten gerafft. Ich war bemüht, beim Schneiden keine hörbaren Brüche zu schaffen.

Frühlingserwachen vorm Balkon, aufgenommen vom Balkon der Lüdemannstraße 22, 2. Etage in Kiel am 26.05.2021 zwischen 04:00 und 05:00 Uhr. Sonnenaufgang: 04:56 Uhr.

Die Aufnahmesituationen in der Klanglandschaft Staddt lassen sich kaum arrangieren. Sie sind nicht detailliert planbar. Ich kann Ort und Zeit so wählen, dass ein erwartetes Resultat eintreten kann; aber ich kann die Bedingungen nicht wirklich kontrolliren, wie das ein Maler bei seinem Gemälde tun könnte.

Ich habe die Balkon-Session an einem Sonntag morgens wiederholt: am 06.06.2021 ab 03:45 Uhr. Sonnenaufgang in Kiel an diesem Tag war um 04:48 Uhr.

Das Ensemble der Vögel war etwas anders besetzt als vor 10 Tagen. Und es gab mehr Klänge, die von Menschen gemacht wurden. Gegen Ende der Aufnahme gibt es Laute aus Wohnungen. Ein Flugzeug habe ich mitgenommen. Es wird erkennbar, wie lange so ein Düsenjet im Klangbild bleibt.

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